Soziologische Theorie oder Soziologische Klassiker: Der feine Unterschied

Ein auf diesem Blog veröffentlichter Offener Brief , sorgte am Institut für Sozialwissenschaften an der HU in der letzten Woche für viel Wirbel. In ihm wird die Vorlesung „Soziologische Theorie“ unter anderem als eurozentrisch kritisiert. Eine Idee aus der Debatte ist es, die Veranstaltung einfach umzubennenen. Doch das wird sicher nicht passieren, da eine solche Entscheidung für den „old-guys-club“ eine nicht hinnehmbare schiefe Ebene in Richtung eines pluralistischer Wissenschaftskonzeptes wäre.

Nicht nur alte weiße Männer?
Ein häufig geäußertes Argument zur Kritik an der Soziologie-Vorlesung ist, dass soziologische Theorie nun mal ein weiße männliche europäische Wissenschaft sei. Deshalb bestehe der Literaturkanon eben größtenteils aus weißen alten Männern. Dies mag vielleicht für die soziologischen Klassiker oder die soziologische Theoriegeschichte gelten. Doch die Modulbeschreibung definiert das Lernziel nicht ausschließlich als Klassiker_innen-Veranstaltung: „In der Vorlesung erwerben die Studenten und Studentinnen einen Überblick über konkurrierende Erklärungsansätze in der Soziologie. Anhand von klassischen und neueren Texten werden dabei die theoretischen Grundlagen soziologischer Beschreibung, Analyse und Erklärung sozialer Strukturen und Prozesse dargestellt.“ (S. 11 Studienordnung 2014.)

Vorlesung umbennenen?
Dem eingangs geschilderten Argument folgend, gibt es nun folgenden non-chalanten Vorschlag: „Nennen wir die Vorlesung doch einfach: ‚Soziologische Klassiker‘ oder ‚Soziologische Theorie – Die ersten europäischen 150 Jahre‘“ Ein Vorschlag, der jedoch nicht umgesetzt wird, obwohl es laut einem Grundkursleiter seit Jahren studentische Proteste gegen den Narrativ der Soziologie als Angelegenheit weißer europäischer Männer gäbe. Warum der Vorschlag nicht umgesetzt wird, zeigt sich, wenn man überlegt, was diese Änderung semantisch markieren würde.

Und danach?
Der bisherige Titel der Vorlesung „Soziologische Theorien“ legt nahe, dass der Inhalt dieser Veranstaltung die relevante Soziologische Theorie sei. Dass dies nicht der Fall ist, sondern es sich eher um „Soziologische Klassiker“ handelt, macht bereits der Blick ins Vorlesungsprogramm deutlich. In dem Moment, in dem man diese „Old-white-Guys-Show“ entsprechend umbenennt, würde deutlich, dass es außer diesen Klassikern noch weitere Ansätze „danach“ geben muss. Ansonsten würde die einschränkende Benennung keinen Sinn ergeben.

Wenig Angebot am Institut
Diese semantische Markierung wiederum ist für das Institut ein Problem. Denn wenn es ein Angebot an soziologischen Klassikern gibt, ergibt sich zwingend die Frage nach Veranstaltungen zu dem „Danach“, also aktuelleren soziologischen Theorien. Diese Veranstaltungen gibt es zwar. Doch es sind viel zu wenige ihrer Art. An mangelnder Nachfrage der Studierenden liegt dies nicht. Seminare zu Rassismus oder zu postkolonialen Perspektiven auf Gesellschaft sind regelmäßig überfüllt.

Keine „richtigen“ Wissenschaften?
Doch anstatt mehr Kapazität zu schaffen, geht’s konsequent in die andere Richtung. Im Februar 2014 schlug die Sowi-Fachschaft Alarm. In einer Hauruck-Aktion beschloss der Institutsrat damals, die Junior-Professur „Diversity Politics“ auslaufen zu lassen. Offiziell wurde dies laut dem damaligen Protest-Schreiben der Fachschaft mit Finanzierungsproblemen gerechtfertigt, die die studentischen Vertreter_innen mit guten Argumenten bezweifelte. Via Flurfunk machte zudem das Gerücht die Runde, dass ausgerechnet die im Institut wichtigen älteren Kollegen Bedenken gegen diese in ihren Augen „Modedisziplin“ hegen würden. Diese sei im Gegensatz zum klassischen Kanon keine „richtige“ Wissenschaft. Nun mag man von Gerüchten halten, was man will: Die regelmäßige Nicht-Reaktion auf studentische Proteste, das einschlägig ausgerichtete Veranstaltungsangebot und die Personalpolitik des Instituts dürften auch für sich genommen Bände sprechen.

Mehr Infos:

Der aktuelle Offenen Brief an Herrn Makropoulos:

http://hu.blogsport.de/2015/02/05/offener-brief-an-soziologie-professor/

Protest der Fachschaft im Februar 2014 zur Abwicklung der „Diversity-Politics:

https://fbcdn-sphotos-a-a.akamaihd.net/hphotos-ak-xpa1/v/t1.0-9/1621735_578285745582509_1308188521_n.jpg?oh=87c2b805378b6b9908414159807339be&oe=55694392&__gda__=1432189814_939f9fbe14eeac4a5e9f4e946c19e25b


1 Antwort auf „Soziologische Theorie oder Soziologische Klassiker: Der feine Unterschied“


  1. 1 radikallektüre 11. Mai 2015 um 7:37 Uhr

    Diversity Politics – neoliberale Vereinnahmung emanzipatorischer Theorie, das braucht genau wer?

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