[B] Protest an der HU. Betroffener Prof. äußert sich – nicht.

Am Institut für Sozialwissenschaften an der HU Berlin gibt es Streit. Mit einem offenen Brief protestierten Studierende letzte Woche gegen die ihrer Meinung nach eurozentristische und Gender-Aspekte ausblendende Vorlesung „Soziologische Theorien“. Entgegen seiner Ankündigung in der Vorlesung hat sich der für die Vorlesung zuständige Dr. Makropoulus entschieden, zum Offenen Brief keine Entgegnung zu verfassen. „Anonyme Kritiken kommentiere ich nicht“ teilte er seinen Studierenden via der internen HU-Internetplattform Moodle mit.

Gleichzeitig wirft er den AutorInnen des Offenen Briefes vor, die Unwahrheit zu sagen. „In dem Schreiben ist tatsächlich einiges nicht wahrheitsgemäß (…)“ behauptet Makropoulos. In einem Text analysiert die Aktionsgruppe, warum die Behauptung, anonyme Statements seien der Auseinandersetzung nicht wert, so beliebt ist. Und warum es ebenfalls so beliebt ist, KritikerInnen als die Unwahrheit sagend zu verunglimpfen.

Der Faktencheck
Zuerst der Faktencheck. Die AutorInnen des Offenen Briefes werfen Herrn Makropoulos vor, die Vorlesung „Soziologische Theorien“ aus einer eurozentristischen, weißen und männlichen Perspektive zu betreiben. Ein Blick in die Literaturliste zeigt: Fast nur Männer, eine Frau. Nur Europäer und Nordamerikaner. Und ausgerechnet in der letzten Vorlesung ließ Makropoulus sich zu dem Statement: „Ich werde hier nicht auf Gender-Aspekte eingehen. Das kostet zu viel Zeit“ hinreißen.

Nicht äußern?
Doch woher stammt die Info, Makropoulos werde sich zum Offenen Brief äußern? Zu Beginn der kritisierten Vorlesung macht einer seiner MitarbeiterInnen den Dozenten auf die ausliegenden Flugblätter aufmerksam. Daraufhin kündigt der vermutlich aktive Störungen der Vorlesung befürchtende Dozent an, er habe das Schreiben gesehen. Er habe es noch nicht lesen können. Er werde dazu später Stellung nehmen. Eine Aussage, die angesichts der Umstände verständlich ist. „Nur weil er es sich leicht machen möchte, zu behaupten, wir würden die Unwahrheit sagen, ist eine Frechheit“ kommentierte eine der beteiligten Studierenden dieses Manöver.

Anonyme Kritik nicht wünschenswert?
Doch warum gibt sich Herr Makropoulus soviel Mühe, anonyme Kritik als gesellschaftlich nicht wünschenswert darzustellen? Schließlich ruft er in einer weiteren Aussendung an seine Studierenden mit Hinweis auf den Offenen Brief explizit dazu auf, an der Veranstaltungsevaluation in den Grundkursen teilzunehmen. Und dass, obwohl diese aus gutem Grund anonym durchgeführt werden. „Anonyme Kritik scheint für Herrn Makropoulus also nicht gleich anonyme Kritik zu sein“ kommentiert dies einer der an der Aktion beteiligten Studierenden.

Nach Macht fragen
Um diesen Widerspruch zu verstehen, muss man nach der Verteilung von Macht und Kontrollmöglichkeiten in bestimmten Situationen fragen. Bei der Evaluation hat der Lehrstuhl die absolute Kontrolle über die Kritik. Die Ergebnisse werden nicht veröffentlicht und sie werden nicht offen diskutiert. Egal, was die Studierenden schreiben: Was mit ihrer Kritik passiert, liegt in der Macht des Lehrstuhls.

Herrschaft kritisieren
In diesem Zusammenhang von „Macht“ zu sprechen, ist eigentlich verkehrt. Das ungleiche Machtverhältnis ist im Verhältnis von Studierenden und Dozierenden längst dauerhaft, unauflösbar, rechtlich und diskursiv abgesichert. Herrschaft ist der treffendere Begriff. Schließlich ist das Machgefälle immer da. In der Vorlesung, bei den Zugriffsrechten im Uni-Internet, bei den Unterschieden im Einkommen und dem damit in Verbindung stehenden Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen, bei den Unterschieden in der zur freien Verfügung stehenden Zeit, beim gesellschaftlich vermittelten Sozialprestige und beim Vernetzungsgrad mit anderen gesellschaftlich wichtigen Menschen. Dies ist umso mehr zu bedenken, als dass durch diese Vernetzung der Eliten unbequeme Studierende im weiteren Verlauf ihres Studiums sehr sicher mit Problemen rechnen müssen. Seien es die „kleinen“ Ausnahmen wie z.B. einige Tage Aufschub auf Abgabetermine oder Jobs in der Uni: Wer hat schon Lust auf sogenannte „Querulant_innen“? Es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen: Um genau diese Mechanismen auszubremsen sind die Evaluationen anonym.

Diskursive Herrschaft
Doch die erwähnten Herrschaftsmechanismen sorgen auch dafür, dass Herr Makropolous diskursiv bessere Chancen hat, seine Sicht der Dinge als allgemein geglaubte gesellschaftliche „Wahrheit“ durchzusetzen. Diesen Herrschaftsmechanismen entziehen sich jedoch anonyme Flugblätter. Unbequeme Studierende, deren Namen unbekannt sind, können nicht bei Prüfungen, Ausnahmen und Jobvergabe aufgrund ihres Engagements benachteiligt werden. Mit dieser „asymetrischen“ Strategie entziehen sich die den asymetrischen Machtverhältnissen Unterworfenen dieser mit einer „asymetrierenden“ Strategie. Da die Namen fehlen, greifen viele Disziplinierungsmittel der Mächtigen ins Leere.

Paradox der Anonymität
Auf diese Situation, in der formelle institutionalisierte Machtmittel wenig helfen, greift Herr Makropoulus nun auf andere Machtressourcen zurück. Er nutzt seine Diskursmacht, um seine Kritiker_innen als „unwahr“, „anonym“ und damit mängelbehaftet darzustellen. Die Ergebnisse der „guten“ anoymen Evaluation kann er bei Bedarf qua eigener Machtvollkommenheit im Schrank verschwinden lassen. Den von „bösen“ anonymen Flugblättern forcierten Diskurs versucht Herr Makropoulus in die Flasche zurück zu bekommen, indem er seinen privilegierten Zugriff auf den gesellschaftlichen Diskurs in die Waagschale wirft. „Wer für Aspekte der Machtverteilung blind ist, wird das Paradox der Bewertung von Anonymität nicht auflösen können“ schließend die betroffenen Studierenden ihre Kritik.

Mehr Infos:

Der Offene Brief einschließlich vieler Kommentare von Studierenden:
http://hu.blogsport.de/2015/02/05/offener-brief-an-soziologie-professor/

Soziologische Theorien oder Soziologische Klassiker: Der feine Unterschied.
http://hu.blogsport.de/2015/02/10/soziologische-theorie-oder-soziologische-klassiker-der-feine-unterschied/


3 Antworten auf „[B] Protest an der HU. Betroffener Prof. äußert sich – nicht.“


  1. 1 anonymous 13. Februar 2015 um 0:41 Uhr

    Eurozentrismus ok.

    Aber was soll eigentlich dieser Ageism. „Alte“ weiße Männer. Aha. Sollen hier ältere Personen diskriminiert werden?

  2. 2 Max Musterstudent 13. Februar 2015 um 15:31 Uhr

    So ein Artikel, kann auch nur entstehen, wenn der NC zu hoch ist..

  3. 3 Max Weber 20. Februar 2015 um 10:01 Uhr

    Werte Kinder!

    Ihr feigen Mittelstandsgören merkt noch nicht einmal, auf wen ihr da einschlagt. Wenn es hier ein Herrschaftsverhältnis gibt, dann seid ihr am Drücker. Ihr seid noch in einmal in der Lage, die Machtverhältnisse in Universitäten zu durchschauen und wollt über weltweite reden? Pfui!
    Zu meiner Zeit hätte man gesagt: Das ist nicht stisfaktionsfähig. Aber ich bin schon so lange tot, noch dazu ein weißer Mann…
    Ist euch übrigens aufgefallen, dass außer mit fast alles soziologischen Klassiker Juden waren? Ihr habt doch nicht etwas gegen Juden?

    Gruß von Max Weber

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