Gute Lehrstühle ändern nichts?

In dieser Zuschrift kritisiert die schreibende Person unsere Positionierung zur „Soziologischen Theorie“ als nicht weitgehend genug. Gute Lehrstühle seien nicht ausreichend gegen Eurozentrismus. Als Beispiel wird ein Kolloquium, bei dem u.a. Rassimus Thema war, als Rassimus reproduzierend beschrieben. Der Text wurde zur besseren Lesbarkeit leicht bearbeitet.

Liebe Aktive bei hu.blogsport.de,
mit großen Interesse habe ich Eure Aktion mit dem Offenen Brief zu Eurozentrismus und fehlender Gender-Perspektive in der „Soziologischen Theorie“ verfolgt. Auch eure Analyse zur Situation am Institut habe ich gelesen. Weil ihr dort die Junior-Professur zur „Diversity Studies“ als mögliches Mittel gegen Eurozentrismus hervorhebt, möchte ich euch auf einen anderen Offenen Brief hinweisen.

Gegen epistemische Gewalt an Universitäten
Im November 2014 veröffentlichte die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) obiges Statement „Gegen rassistische epistemische Gewalt an der Universität!“ Das Schreiben kritisiert die Abläufe beim Kolloquium “Von epistemischer Gewalt zu epistemischem Ungehorsam? Dekoloniale und feministische Herausforderungen” am 16.05.2014, organisiert vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Rolle der wissenschaftlichen Kommentatorin viel in jener Veranstaltung Ina Kerner zu, die ja am Sowi-Institut die erwähnte Junior-Professur „Diversity Studies“ inne hat.

Was ist Epistemische Gewalt?
(Einschub der Redaktion: Epistem beschreibt u.a. bei Foucault eine Wissensformation. Wissensformation wird im gesellschaftlichen Alltag der Menschen einfach als bekannt und gegeben vorausgesetzt und weder hinterfragt noch thematisiert. „Epistemische Gewalt“ beschreibt den Vorgang, wenn über diese Wissensformationen bestimmte Menschengruppen systematisch gesellschaftlich ausgegrenzt, diskriminiert oder im gesellschaftlichen Diskurs unsichtbar gemacht werden).

Rassismus-Kritik macht Rassimus unsichtbar?
Konkret kritisiert die ISD einen Vortrag der Bremer Amerikanistin Sabine Broeck über Rassismuserfahrungen schwarzer Menschen und ihrer Widerstandsstrategien, zu dem Ina Kerner kommentierte. In der Veranstaltung protestierten einige Anwesende gegen die Verwendung des N-Wortes und brachten damit den Vortrag zum Abbruch. Ina Kerner sei in ihrem Anschließenden Kommentar mit keinem Wort auf das Geschehen eingegangen. Aus Sicht der ISD reproduziere das Kolloquium genau die mit dem Begriff der Epistemischen Gewalt benannten rassistischen Muster weißer Dominanz in der Gesellschaft. So würden wie selbstverständlich zum Thema „Rassismus erfahrungen schwarzer Menschen“ zwei weiße Personen sprechen, die zudem noch wie selbstverständlich nicht-weiße Widerstandsstrategien bewerten bzw. „verbessern“ wollen würden, während der Rassismus der konkreten Veranstaltung und der Widerstand dagegen epsitemisch unsichtbar gemacht werden würde. Sowohl Ina Kerner als auch Sabine Broeck haben auf dem Blog der ISD in Kommentaren unter dem Protestschreiben ausführlich Stellung genommen.

Ausschließende Kultur an Universitäten
Das Beispiel zeigt wohl deutlich, dass es mit einem anderen Literaturkanon in der „Soziologischen Theorie“ nicht getan ist. Selbst die Aufnahme von Lehrstühlen, die zur Verschiedenheit und Pluralität in Gesellschaften forschen, verändern noch nicht die viele Menschen ausschließende Kultur an Universitäten, die wir alle regelmäßig wie selbstverständlich hinnehmen.

Mehr Infos:

Der aktuelle Protest zur Vorlesung „Soziologische Theorien“:
http://hu.blogsport.de/2015/02/12/b-protest-an-der-hu-betroffener-prof-aeussert-sich-nicht/

Offener Brief der Initiative schwarzer Menschen in Deutschland:
http://isdonline.de/gegen-rassistische-epistemische-gewalt-an-der-universitaet/


1 Antwort auf „Gute Lehrstühle ändern nichts?“


  1. 1 Ich bin - also was soll ich denken? 29. Mai 2015 um 17:44 Uhr

    Mein Studium ist nun fast 30 Jahre her und ich betrachte es amüsiert, dass sich manche Themen anscheinend nie ändern werden.

    Gendergerechte Sprache wurde damals schon vehement und lautstark von der „Lila Liste“ eingefordert, einem Zusammenschluß feministischer Aktivistinnen (absichtlich ohne Unterstrich!), die jeden Mann als „Dreibein“ verunglimpften und eine Zusammenarbeit mit ihnen in allen Gremien der Hochschule natürlich weit von sich wiesen. Auch wenn manche dieser eingeschüchterten kleinen Muttersöhnchen überhaupt keinen Anlaß gaben, um zurückgewiesen zu werden. War das vielleicht nicht diskriminierend und wie glaubwürdig kann man das höhere Ziel dann noch einfordern?

    Auch das Thema Rassismus wurde immer wieder intensiv diskutiert, ohne jedoch jemals einen erfolgversprechenden Weg zu beschreiben, wie es denn besser gehen könnte. Die schier endlose Aufzählung dessen was nicht gut läuft oder historisch schlecht gelaufen ist füllte viele Diskussionen, brachte aber ein ums andere Mal keinen verwertbaren Output, mit dessen Hilfe man die Welt verbessern hätte können. Quellenfestigkeit war natürlich DER Führerschein, um überhaupt mitdiskutieren zu dürfen. Ehrensache!

    Und natürlich – auch der dogmatisch verteidigte eigene Standpunkt, der wie bei den Christ_innen „die 10 Gebote“ oder „die biblische Offenbarung“ ein unverrückbarer Teil der eigenen studentischen Identität zu werden schien. Natürlich hatten alle vom Baum der Erkenntnis gegessen – zu dumm nur, dass jede/r seinen/ihren eigenen hatte und dies in der Hitze der Diskussion leider nicht zu bemerken schien.

    Alles das finde ich hier im Blog wieder. Sehr schön! Macht Spaß! Vielleicht gehört all dieses dazu, wenn ein Studium erfolgreich „durchlebt“ werden soll.

    Übrigens – viele von damals habe ich später im Job wiedergetroffen, auch Mädels der „Lila Liste“ waren darunter. Diesmal aber nicht mit versifften Birkenstocks und selbstgefärbten Haaren ohne erkennbaren Haarschnitt, sondern adrett im kleinen Schwarzen oder Köstümchen und auf Pumps kamen sie dahergestöckelt. Und auch die ehemals verhassten Dreibeine schienen ihren einstigen Schrecken verloren zu haben. Eine Zusammenarbeit mit Ihnen klappte zumindest dem Anschein nach tadellos und ohne sichtbare größere Anstrengungen den eigenen Brechreiz zu unterdrücken.

    War interessant zu beobachten, was es mit/aus Menschen macht, wenn sie den Elfenbeinturm verlassen und dann beginnen ängstlich ihre kleinbürgerliche Existenz abzusichern.

    Daher… weiterhin viel Spaß beim Ausgestalten dieses Blogs, den hitzigen Diskussion, dem intellektuellen Erkenntnisgewinn und dem guten Gefühl auf dem Weg zur eigenen Spießbürgerlichkeit immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

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