„Ja, was sollen wir denn lesen?“

Eine der Reaktion auf den in der Vorlesung “Soziologische Theorien” verteilten Offenen Brief war ein diffuses “Und was sollen wir dann lesen?” In der Redaktion hatten einige sofort den Reflex, einige gutgemeinte Literaturempfehlungen geben zu wollen. Diese finden sich leider in einem anderen Artikel. Andere hingegen empfanden dies als bevormundent und kritisierten, dass es nicht Aufgabe der Studierenden sein könne, anderen Studierenden zu sagen, was sie lesen sollen. Es sei Aufgabe der Dozierenden, für eine angemesse Lehre zu sorgen. Die Entgegnung auf den Empfehlungs-Reflex findet sich hier.

Ganz ehrlich: Wer von euch hat jetzt gerade Zeit, nicht-klausurrelevante Literatur zu lesen? Wer von euch hat neben Arbeit und Batschler-Schulstudium Zeit, sich universalistisch zu bilden?

Arbeitsbelastung für Studis steigt
Glaubt man der von der Uni Konstanz für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BmBF) erstellten Studie „Studiensituation und Studentische Orientierungen“, sind es nicht allzu viele. „An Universitäten hat die Arbeitsintensität seit Beginn des Jahrtausends kontinuierlich zugelegt“ (S. 222). Und: „Zwar hält sich die Mehrheit für zumindest geeignet, ein Studium hinsichtlich des Lernens zu bewältigen, doch nur eine Minderheit ist voll und ganz davon überzeugt, diesen Ansprüchen gerecht zu werden“ (S. 225). Das dies etwas mit den auf die Produktion von möglichst einfach und bequem zu verwertenden Humankapital ausgerichteten Batschler-Studiengängen zu hat, legt die Studie nahe: „Bacherlorstudierende beurteilen ihre Lernfähigkeit weniger gut als Masterstudierende oder Staatsexamenskandidaten. (…). Zwischen den Masterstudierenden und ihren Kommiltonen, die ein Staatsexamen anstreben, treten bei diesen Eigenschaften kaum Differenzen auf“ (S.225).

Entfremdung vom universitären Alltag
Die Studie zeigt aber noch weitere leseschädliche Folgen des Bachelor-Bulime-Lernens. So fragen die Autoren auch nach der Relevanz von Studium und Wissenschaft für Studierende. „Im Kranz aller Lebensbereiche spielt für viele Studierende ihr unmittelbares Lebensumfeld von Hochschule und Studiem keine herausragende Rolle“ (S.110). Hier zeigt sich die entfremdende Wirkung des universitären Alltags in der Wertevorstellung von Studierenden.

Ablehnung von Wissenschaft unter Studierenden?
Doch die Befunde gehen noch weiter: „Gegenüber „Wissenschaft und Forschung“ zeigen Studierende noch weit häufiger Zurückhaltung, in einigen Fällen ist sogar Abwehr erkennbar. Nur 20% wollen sich ernsthaft, mit einem gewissen Enthusiasmus auf Wissenschaft und Forschung einlassen (…). Dem steht mehr als ein Drittel der Studierenden gegenüber (35%), denen dieser Bereich eher oder gänzlich unwichtig ist; manchmal drängt sich der Eindruck auf, sie hielten Wissenschaft und Forschung für eine Zumutung oder unnötige Belastung. Die übrigen 45% schreiben Wissenschaft und Forschung eine mittlere Bedeutung zu, was eher als passive Hinnahme der nötigen Anforderungen im Studium zu verstehen ist(…) (S.111). Es zeigt sich hier ganz deutlich, was die Verschulung der Universitäten angerichtet hat: Nichteinmal Studierende interessieren sich für Wissenschaft.

Ersti-Veranstaltungen formen Vorstellungen
Wenn es aber aufgrund der Ausrichtung der Bachelor-Studiengänge ein frommer Wunsch bleibt, dass Studierende in der Lage wären, sich neben den Prüfungsinhalten universell zu bilden, dann kommt bei der Vermittlung „Soziologischer Theorien“ der Auswahl des Lernkanons durch die Dozierenden umso mehr Gewicht zu. Bilden sich auch hier im 21. Jahrtausend (um den albernen Pathos der Studie einmal aufzugreifen) hier nur weiße europäische Männer ab, bei deren Behandlung für „Gender-Aspekte leider keine Zeit“ bleibt, dann prägt dies das Bild der Soziologie, dass an die Studienbeginner_innen vermittelt wird, nachhältig.

Unterschiedlicher Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen
Die hier benannte Wichtigkeit des Kanons entsteht durch unterschiedliche gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten, die im unterschiedlichen Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen wurzeln. So werden Dozierende explizit dafür bezahlt, z.B. Literaturlisten anzufertigen. Dies stellt sie zum einen von reproduktiven Tätigkeiten frei. Und erhöht außerdem durch das überwiesenen Gehalt den durch Geld vermittelten Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen. Diese Vorteile anglomerieren sich zudem mit der Zeit. Neben dem gesammelten ökonomischen Kapital sammelt sich mit jedem Jahr auch durch das habitualisierte und inkooperierte Wissen ein kulturelles Kapital an.

Offener Diskur unmöglich
Das dieser Vorsprung an Macht allein schon aufgrund des Wissensgefälles einen offenen Diskurs unmöglich macht,zeigt sich auch in den Kommentaren zum Offenen Brief. „(…) Machtgefälle. Es ist schon ein Unterschied, ob dieses Gefälle durch Angst oder Zwang entsteht. In unserem Fall sehe ich das eher so, dass allein der inhaltliche Gehalt der Vorlesung schon dafür sorgt, dass man hier dieses Machtgefälle selbst produziert – und das vollkommen zurecht. Ich will keine Störungen der VL während der VL (..). heißt es dort.

Bei Interesse einfach machen
Also: Wenn ihr zu den glücklichen Leuten gehört, die neben dem Studium Interesse für post-koloniale und feministische Perspektiven aufbringen, dann ergreift doch selber die Initiative. Stellt eure Wunsch-Literaturliste selbst zusammen, teilt sie bei facebook, ladet sei bei moodle hoch, was auch immer. Aber wartet nicht drauf, das euch irgendwer sagt, was ihr lesen sollt. Und weil sich die Meinung dieses Artikels leider in der Redaktion nicht durchsetzen konnte, findet sich auch einige Buchempfehlungen, in denen fette Literaturlisten stehen, ja auch mittlerweile ebenfalls auf diesem Blog.

Einige Buchempfehlungen für die vorlesungsfreie Zeit:
http://hu.blogsport.de/2015/02/15/trotz-pruefungsstress-lust-zu-lesen/

Mehr Infos:

Ramm, Michael; Multrus, Frank; Bargel, Tino; Schmidt, Monika: Studiensituationen und studentische Orientierung. 12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhoschschulen. Berlin, 2014. Im Internet unter http://www.uni-konstanz.de/studierendensurvey

Protest in der „Soziologischen Theorie“: Dozent äußert sich – nicht:
http://hu.blogsport.de/2015/02/12/b-protest-an-der-hu-betroffener-prof-aeussert-sich-nicht/

„Soziologische Theorien“ oder „Soziologischen Klassiker“: Der feine Unterschied:
http://hu.blogsport.de/2015/02/10/soziologische-theorie-oder-soziologische-klassiker-der-feine-unterschied/

„Gute Lehrstühle ändern nichts?“:
http://hu.blogsport.de/2015/02/14/gute-lehrstuehle-andern-nchts/

Der Offene Brief im Wortlaut:
http://hu.blogsport.de/2015/02/05/offener-brief-an-soziologie-professor/


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