Trotz Prüfungsstress die Lust zu lesen!

Eine der Reaktion auf den in der Vorlesung „Soziologische Theorien“ verteilten Offenen Brief war „Und was sollen wir dann lesen?“ In der Redaktion hatten einige sofort den Reflex, einige Literaturempfehlungen geben zu wollen. Diese finden sich in diesem Artikel weiter unten. Andere hingegen empfanden dies als bevormundent und kritisierten, dass es nicht Aufgabe der Studierenden sein kann, anderen Studierenden zu sagen, was sie lesen sollen. Es sei Aufgabe der Dozierenden, für eine angemesse Lehre zu sorgen. Diese Entgegnung findet sich in einem weiteren Artikel.

Andrea Truman: Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus. Stuttgart 2002.
Die Autorin zeichnet mit einem größtenteils historischem Abriss die Entwicklung feministischer Gesellschaftskritik im Spannungsfeld von universalistischem Menschenrechtsideal und tatsächlicher Rechte in der bürgerlichen Gesellschaft nach. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die letzten 40 Jahre. Angefangen bei den Vorläufer_innen der Studierendenbewegung und dem SDS wendet sich Trumann den Themen Abtreibung und Bevölkerungpolitik zu, um letztlich Quer-Theorie und Judith Butler zu betrachten. Kritisch setzt sich die Autorin mit der Deutung der Frauenbewegung als Modernisierung kapitalistischer Ausbeutung und demokratischer Herrschaft auseinander, um letztlich dafür zu plädieren, im Kampf um Emanzipation der Kollektivität der Individualität zu geben.
Erhältlich beim Schmetterling Verlag Stuttgart. ISBN 3-89657-580-5 Vorhanden im Grimm-Zentrum oder für 10 Euro im linken Buchladen deines Vertrauens.

Voß, Hans-Jürgen: Geschlecht. Wider die Natürlichkeit. Stuttgart 2011. ISBN 3-89657-663-1.
Der studierte Biologe und langjährige Gender-Aktivist Voß arbeitet heraus, das die derzeitige Biologie und Medizin mittlerweile sehr viele Faktoren im Blick habe, die für die Entwicklung von Gechlechtsmerkmalen Bedeutung haben sollen und dass sich die nicht mehr in ein bipolares Korsett von Geschlechtern zwängen lasse. Diese Betrachtung verbindet Voß mit der einer souialhistorischen Analyse der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht durch die europäische Geschichte. Dabei hat der Autor einen explizit gesellschaftskritischen Anspruch. Gerechte Gesellschaftsordnungen und Geschlechterverhältnisse, die niemanden benachteiligen, sind für Voß zwei Seiten der selben Medaille.
Erhältlich beim Schmetterling Verlag Stuttgart. ISBN 3-89657-663-1. Vorhanden im Grimm-Zentrum und in der ZwB Naturwissenschaften oder für 10 Euro im linken Buchladen deines Vertrauens.

Geulen, Oliver: Geschichte des Rassismus. Bonn 2007.
In seinem kleinem Buch beschreibt der Autor Rassismus als von Menschen gemachtes gesellschaftliches Ordnungsprinzip, dass weder metahistorisch noch universell noch biologisch zwangsläufig sei. Zudem betont er die Wandelbarkeit der rassistischen gesellschaftlichen Diskurse. Diesen Veränderung spürt Geulen von der Antike über das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis in die Moderne nach. Die heute in der Auseinandersetzung mit all den „Wir-sind-keine-Rassisten-und das-wird-man-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen“-Rassist_innen bedeutsame Verschiebung vom auf „Rasse“ rekurierende Rassismus zum auf „Kultur“ verweisenden Kulturalismus kommt leider viel zu kurz. Zudem rekuriert der Autor auf die sog. „Extremismus-Theorie“.
Erhältlich bei der bpb ISBN 978-3-89331-838-4. Wird dort gerade für einen Euro das Stück verramscht. Im linken Buchladen deiner Wahl als Beck Wissen für ca. 10 Euro. Leider nicht in Uni-Bib.

Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? Bonn 2008.
Wolfgang Benz ist Leiter des Institutes für Extremismus-Forschung an der TU Berlin. In dem Buch versucht er, eine auf empirische Daten gestützte Analyse des „neuen“ Antisemitismus seit 1945. Es geht ihm nicht um aufgeregten Alarmismus, der immer dann einsetzt, wenn bei einigen Wenigen der latente gesellschaftliche Antisemitismus in gewalttätige Handlung umschlägt. Benz geht es um die Art und Weise der gesellschaftlichen Wahrnehmung der jüdischen Minderheit, und den Ort, den diese im Bewusstsein der Gesellschaft einnehmen. Der Autor analysiert die Verbindungen bei der Genese der bürgerlichen Gesellschaft und dem modernen Antisemitismus. Für die Jetzt-Zeit fragt er nach den Brücken zwischen extremen Antisemit_innen und dem aktuellen „patriotischen Projektes“ das angeblich aus seiner Vergangenheit gelernt habe und deshalb damit weitermachen dürfe, wo 1945 aufgehört wurde.
Das Buch ist im Grimm-Zentrum zweimal zum Anfassen und als Online-Ressource verfügbar. Es wird bei der bpb unter ISBN 978-3-89331-562-8 gerade für einen Euro verscherbelt. Für ca. 10 Euro gibt es das Buch als Ch. Beck-Ausgabe im linken Buchladen deiner Wahl.

Speitkamp, Winfried: Kleine Geschichte Afrikas. Bonn 2010.
Der Professor für Neuere Geschichte an der Uni Gießen schreibt sein Afrika-Geschichte in dem Bewusstsein, dass es sich dabei um ein diskursives Konstrukt handelt. So thematisiert er explizit „Afrika“ als imaginäres Gegenbild zu Europa, dass dort zur Herausbildung einer vermeintlich „eigenen“ Identität im Kontrast zum „anderen“ konstruiert wurde. Ob nicht mal 500 als geschichtliches Übersichtswerk konzipierte A6-Seiten gegen Eurozentrismus helfen sei mal dahin gestellt. In Anbetracht des Faktes, dass, wenn wir ehrlich sind, wir eigentlich alle keine Ahnung haben, was in Afrika so geht und vor allem was da früher abgegangen ist, ist das Buch ein guter Anfang.
ISBN 978-3-89331-951-0 Als Reclam-Ausgabe im Grimm-Zentrum. Wird bei der bpb gerade für einen Euro verscherbelt.

Mehr Infos:

Der Gegen-Artikel zur Empfehlungsliste:
http://hu.blogsport.de/2015/02/15/ja-was-sollen-wir-denn-lesen/

Protest in der „Soziologischen Theorie“: Dozent äußert sich – nicht:
http://hu.blogsport.de/2015/02/12/b-protest-an-der-hu-betroffener-prof-aeussert-sich-nicht/

„Soziologische Theorien“ oder „Soziologischen Klassiker“: Der feine Unterschied:
http://hu.blogsport.de/2015/02/10/soziologische-theorie-oder-soziologische-klassiker-der-feine-unterschied/

„Gute Lehrstühle ändern nichts?“:
http://hu.blogsport.de/2015/02/14/gute-lehrstuehle-andern-nchts/

Der Offene Brief im Wortlaut:
http://hu.blogsport.de/2015/02/05/offener-brief-an-soziologie-professor/


3 Antworten auf „Trotz Prüfungsstress die Lust zu lesen!“


  1. 1 Paulchen Panther 18. Februar 2015 um 11:30 Uhr

    Alles schön ung gut und lesenswert, aber mit soziologischer Theorie oder aber mit allgemeiner Soziologie hat das alles nichts zu tun!

  2. 2 Administrator 18. Februar 2015 um 13:57 Uhr

    Hallo Paulchen Panther,
    schön, dass dir die Auswahl gefällt. Ob und was das mit sozioologischer Theorie zu tun hat, dürfte Ansichtssache sein.

  3. 3 Muma 22. Februar 2015 um 9:14 Uhr

    Ja, schöne Liste, wenn auch nicht ohne Probleme. Aber seht ihr nicht die Ironie?

    Andrea Truman: weisse Frau
    Hans-Jürgen Voß: weisser Mann, der zudem „Heinz-Jürgen“ heisst
    Oliver Geulen: weisser Mann, der zudem „Christian“ heisst
    Wolfgang Benz: weisser Mann
    Winfried Speitkamp: weisser Mann

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