„Erstis und Gutmenschen einträglich versammelt“?

In dem hier veröffentlichenten und leicht bearbeiteten Kommentar einer Leser_in unseres Blogs wird kritisiert, das wir unseren Protest nicht zuendedenken würden. Diese Ansicht stützt die Autor_in auf die Feststellung, das in einer Universität mit offenen Diskurs sich diese selber abschaffen würde, weil sie dann als Selektionsinstrument der bürgerlichen Gesellschaft und als Wertschöpfungsort nicht mehr taugen würde.

Hier der Kommentar:
In einem eurer Texte im Nachtrag zum „Offenen Brief“ an Herrn Makropoulus fordert ihr, dass gute Lehrstühle, wie Ina Kerners „Diversity Studies“ nicht ausreichen würden, um Eurozentrismus und die Reproduktion von Rassismus aus den Universitäten zu vertreiben. Und genau da endet euer Artikel. Ihr nennt keine Verbesserungsvorschläge. Ihr benennt nichts, was Frau Kerner hätte anders machen können. Warum nicht?

Einfaltslose Kritik
Vielleicht, weil euch nichts einfällt? Meine Theorie ist eher, dass ihr einträglich versammelten Erstis und Gutmenschen vor dem Schritt zurückschreckt, euren krawalligen spätpubertären Lifestyle-Protest konsequent zu Ende zu denken. Ich glaube, ihr habt sehr wohl eine diffuse Vorstellung davon, was es bedeuten würde, wenn Universitäten aufhören würden, nicht-weiße, nicht-männliche, nicht-europäische Wissenskulturen als Rohstoff für das Fortkommen auf der Karriere-Leiter in der wissenschaftlichen Community zu sehen. Ich glaube, ihr ahnt diffus, was passiert, wenn es an deutschen Universitäten echten gleichberechtigten Diskurs zwischen Menschen gäbe. Ihr ahnt, dass euer „akademisches Aquarium“, in dem ihr euch bewegt wie Fische im Wasser, dann geschlossen würde.

Universitäten als Teil des gesamtgesellschaftlichen Ausbeutungssystems
Universitäten sind eingebettet in komlexe gesamtgesellschaftliche Ausbeuteungs-und Herrschaftsstrukturen. Universitäten sollen im Kapitalismus mit möglichst viel Profit möglichst einfach verwertbares Humankapital für die die Wirtschaft produzieren. Und nebenbei die kommende demokratische Funktionselite ausbilden, die dafür sorgt, dass der Kapitalismus auch noch die nächste Generation fortbesteht.

Teile und Herrsche
Um es ganz deutlich zu sagen: Das demokratische Herrschaftsregime kommt ohne das „Teilen und Herrsche“ des Rassismus nicht aus. Die kapitalistischen Produktionsweise ist nicht in der Lage, alle Menschen ein gutes Leben zu gewährleisten. Deshalb muss demokratisch legitimiert irgendwer als „unwert“, „unproduktiv“ oder „anders“ abqualifiziert werden, damit diese Personen beim Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen diskriminiert werden können.

Weiße Dominanz in der Uni
Schaut euch doch mal in euren Studiengängen um: Die große Mehrheit ist weiß und aus dem Bildungsbürgertum. Und mal Ehrlich: Sieht es in eurem Redaktionsteam anders aus? Wie selbstverständlich nehmt ihr den epistemischen Ausschluss weiter Teile der Bevölkerung aus eurer Wohlfühlblase (und auf höhere Bildung!) hin. Statt deutlich zu sagen, dass Rassismus und Eurozentrismus erst der Vergangenheit angehören, wenn endlich alle Menschen einen offenen gleichberechtigten Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen haben, schreckt ihr voller Kleinbürgerlichkeit vor dieser Erkenntnis zurück. Stattdessen fordert ihr voller Inbrunst nettere weiße Lehrstühle in einer weißen akademischen Kultur, die eingebettet ist in eine weiße Dominanz in der Gesellschaft und im Diskurs. Glaubt ihr, ihr ändert damit etwas?

Mehr Infos:

Studierende schreiben Offenen Brief an Soziologie-Prof:
http://hu.blogsport.de/2015/02/12/b-protest-an-der-hu-betroffener-prof-aeussert-sich-nicht/

Gute Lehrstühle ändern nichts?
http://hu.blogsport.de/2015/02/14/gute-lehrstuehle-andern-nchts/

„Soziologische“ Theorie oder „Soziologische Klassiker?“ Der feine Unterschied
http://hu.blogsport.de/2015/02/10/soziologische-theorie-oder-soziologische-klassiker-der-feine-unterschied/


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