Ein Offener Brief – eine offene Bilanz

Am 4.2. verteilten Studierende der Sozialwissenschaft einen Offenen Brief an einen Dozenten ihres Instituts an der HU Berlin. Die beteiligten Studierenden kritisierten den Dozenten der Vorlesung „Soziologische Theorie“, sowie seine Zuhörer_innen. Dieser Beitrag bilanziert die darauffolgende Debatte. Zwar wurde diese zumeist auf oberflächliche Weise geführt, dennoch möchten die Verfasser_innen hier auch auf inhaltliche Kritiken eingehen. Der Verlauf der Debatte, so ihr Resümee, zeigte das fehlende existenzielle Verständnis der Studierenden für Kritik an Rassismus und Eurozentrismus. Für emanzipatorische Politik jenseits des linken Mainstreams sind das dunkle Wolken am Horizont.

„Lächerlich.“ – „Im Prinzip gut, aber formal schlecht.“ – „Voll feige, weil viel zu spät.“ – „Also eurozentrisch ist er schon, aber hätten die ihn nicht vorher informieren sollen?“

Unter Anderem in diese Richtungen gehend, wurde das Flugblatt in ad-hoc Situationen kommentiert. Im Hörsaal, in Foyers, vor dem Kaffeeautomaten oder bei einer Zigarette unterhielten sich Studierende nicht nur institutsweit über die Aktion. Und in Begleitkursen zur Vorlesung wurde der Brief ausführlich besprochen. Der Offene Brief war Gespräch.

Oftmals standen auf studentischer Seite zuerst Aussagen im Raum, die in die Richtung der obigen Zitate gehen: Rein formale, angeblich organisatorische Kritik. Kaum jemand machte bis dato Aktionen, aber alle wissen, wie es besser laufen würde. Daran lässt sich wunderbar sehen, dass wir mit der Kritik bei unseren Mitstudierenden einen wunden Punkt trafen.Wir möchten zuerst auf diese formalen Kritikpunkte eingehen.

1. „Der Brief ist überhaupt nicht sachlich!“

Stimmt. Das „überhaupt“ unterstreichen wir sogar doppelt, denn er sollte es nie sein. Der Brief ist eine Polemik, wenn auch keine sonderlich kreative. Aber nur durch eine Provokation erreichten wir die Aufmerksamkeit von einigen Menschen.

Auch konnten wir so eine Frage stellen: Wer steht eigentlich wo? Unsere Kritik richtete sich eben nicht nur an eine Person, die wir übrigens nicht intendierten mit „Scheiße zu bestürmen“. Der Brief richtete sich eben auch an alle anderen, die an der Veranstaltung „Soziologische Theorie“ teilnahmen. Dass im Zuge des Briefes Verallgemeinerungen über „die Studierenden“ oder „die Zuhörenden“, getroffen wurden, liegt im Stile des Briefes behaftet – und dass viele Studierende als getroffene Hunde bellten…naja, beendet den Satz selbst.

2. „Der Zeitpunkt war voll ungerecht gewählt. Früher im Semester wäre es konstruktiver gewesen!“

Stimmt, die Veröffentlichung war spät. Das hat einen Grund: Wir haben uns nicht eher gefunden. Als Gruppe aus Studierenden vieler Fachrichtungen brauchte es Zeit, bis wir handlungsfähig wurden.

Ob die Aktion früher durchgeführt dann auch konstruktiver gewesen wäre, ist reine Spekulation und von sehr vielen Faktoren abhängig. Ein Faktor wäre sicher der Dozent gewesen, der, wie er im Moodle-Forum zur Vorlesung beiläufig bekannt gab, generell nicht gedenkt auf anonyme Zuschriften zu reagieren.

Ein weiterer interessanter Aspekt zu diesem Vorwurf des späten Zeitpunkts: Wir haben gesehen, dass ohne Interventionen unserer Art einfach nichts geschieht. Mensch neigt dazu, in seinen alltäglichen Bahnen zu bleiben. Wie oft nehmt ihr einen anderen Weg zur Uni, als gestern? Der Dozent jedenfalls bliebt sich mit seinen ignoranten Ausführungen über das Gendern bis zur letzten Vorlesung (sic!) treu.

Außerdem: Jene Menschen, die den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Offenen Briefes kritisieren und ihn früher veröffentlicht als fruchtbarer empfunden hätten: Warum habt ihr selbst nichts derartiges organisiert? Waren euch die Kritiken an Vorlesungsinhalten nicht relevant genug, um offener als im Grundkurs diskutiert zu werden? Denn einigen Aspekten der inhaltlichen Kritik stimmen nach subjektiver Einschätzung der Lage viele zu. „Kritisch müssten wir andere Medien finden, […].“

Außerdem: Seit wann ist „konstruktiv“ ein positives Attribut für Protestaktionen? Das hier kritisierte Phänomen ist ein gesellschaftliches Problem. Gesellschaftliche Probleme betreffen und gehen alle an, nicht nur die, die auf sie aufmerksam machen. Deshalb ist es auch Aufgabe der ganzen Gesellschaft, und nicht nur derjeniegen, die auf ein Problem aufmerksam machen, eine Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. Deshalb braucht Protest auch nicht konstruktiv zu sein, denn das ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Ein anderes politikverständnis, bei dem Protestierende schon die Lösung und die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten, wird leicht zum missionarischem Avangardismus.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob „konstruktives“ Verhalten generell sinnvoll sein kann. Protest richtet sich regelmäßig gegen Kolateralschäden des Verhaltens der Mächtigen und Mehrheiten, dessen negative Folgen diese ignorieren. Damit muss Protest so teuer, nervig, anstrengend, störend sein, dass das Kosten/Nutzen-Verhältnis der bisherigen Praxis nicht mehr stimmt. Aus genau diesem Grund fordern die Mehrheiten und Mächtigen von Protest immer, dass dieser „konstruktiv“ zu sein habe. Denn konstruktiver Protest ist nicht teuer. Er stört nicht. Außerdem bringt diese Sprache der Macht die Protestierenden in die Verlegenheit, ihre Interessen so zu formulieren, dass sie die Interessen der Mächtigen und der Mehrheiten ergänzen. Das nennt man dann Beteiligung oder Partizipation… aber das ist ein anderes Thema.

3. „Ein einziger Haufen ottografischer Fehler; falsche Interpunksionen und völlig Ignorierung von die Gramattik in diesem Breef“ um von der Semantik erst gar nicht erst schweigen zu wollen – wer sollte das ernst nehmen?“

Du!

Meinungen zu ausgewählten inhaltlichen Kritiken
Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen des Offenen Briefs fand ebenfalls statt. Einige stimmten der Aussage zu, der Dozent hätte Stellung zu den sexistischen und rassistischen Äußerungen im Brief genannter Autoren beziehen sollen. Diese und weitere inhaltliche Reaktionen kommentieren wir im Folgenden.

1. „Es hätte gereicht, wenn der Dozent während des Semesters wenigstens einmal gesagt hätte, ‚Vorsicht, der benutzt das N-Wort und das ist Böse‘.“

Nein. Das hätte nicht gereicht, selbst wenn es etwas länger und weniger ironisch formuliert gewesen wäre. Rassistische Äußerungen sind zwar im Kontext ihrer Zeit zu sehen, jedoch mehr als nur historische Zitate. Einmal zu sagen, „dieses oder jenes ist rassistisch. Das war damals en vogue“, geht viel zu kurz. Rassismus war und ist ein strukturelles Problem globaler Diskriminierung. Damals wie heute sind unsere Gesellschaften im globalen Norden durch unterdrückende Mechanismen im ökonomischen und politischen, dadurch im strategischen Sinne positiv privilegiert. Da die Vorlesung „Soziologische Theorie“ dieses Semester insbesondere eine historische Entwicklung nordeuropäischer/amerikanischer Gesellschaftstheorien nachzeichnete, hätten historische positive Privilegien in unseren Augen zwingend behandelt werden müssen. Denken wir einmal an die für den modernen (hier also westeuropäischen) Menschen sehr wichtige Industrialisierung. Was wäre diese ohne die gigantische Ausbeutung der Menschen und Rohstoffe Afrikas gewesen? „You can‘t have capitalism without racism.“, brachte es Malcom X 1964 auf den Punkt. Wir finden, dass solche Betrachtungen, in eine (faktische) Vorlesung zur Geschichte der soziologischen Theorie gehört hätten.

2. „Wieso hätte der Dozent denn das N-Wort kommentieren sollen? Wir haben doch alle unseren eigenen Kopf zum Denken!“

Dadurch, dass eine bloße Erwähnung rassistischer Begriffe wie des N-Worts zu kurz greift, wird auch diese Aussage nichtig. Es ist nicht das N-Wort allein rassistisch, sondern die Struktur dahinter. Eine Struktur, die seit langer Zeit unsere Welt gliedert.

Ein paar zeitgenössische Beispiele:
Wenn jemand nach Thailand fliegt, ist das „da unten“. Wenn jemand von ihrem Bolivien Aufenthalt schwärmt, war es das Schöne „der Einfachheit des Lebens und der traditionellen Arbeit auf dem Feld“. Diese lebendigen Klischees zeichnen den modernen Rassismus aus. Die oben angedeutete Geburt des modernen Menschens traf nach Zeitgeist eben nur auf europäisch-amerikanische Menschen zu, in klarer Abgrenzung zum rückständigen Rest der Welt. Auch deshalb fragen wir uns, wie die Vorlesung das Thema Rassismus ignorieren konnte.

Außerdem zeigt die Verwurzelung der sogenannten Klassiker in den diskriminierenden Diskursen ihrer Zeit doch auch, wie schwer es ist, in gesellschaftlichen Diskursen „selber zu denken“. Die Beispiele der Klassiker zeigen doch gerade, das selbst diese Menschen an entscheidenen Punkten, die von den gesellschaftlichen Diskursen ums sie herum determiniert wurden, nicht in der Lage waren, „selber zu denken“. Das sollte deutlich zeigen, wie stark gesellschaftliche Strukturen im Bildungsbürger_innentum beliebte Konzepte wie „Unabhängigkeit“, „Induvidualitäüt“ oder „den freien Willen“ relativieren und einschränken. Das trifft auf uns alle zu.

3. „Wir sollten erst die ganzen theoretischen Grundlagen lernen und die sind von weißen alten Männnern geschrieben. Deshalb benennen wir die Vorlesung um und alles wird besser!“

Dieser Satz bedeutet de facto, dass herrschende angeblich wissenschaftliche Sozialisationssetting zu akzeptieren. Doch nehmen wir den Einwand realpolitisch bedrachtet einmal ernst. Die pragmatische Folgerung des Vorschlags einer Umbenennung in „Geschichte der europäischen Soziologie“ wäre die Schaffung einer Nachfolge- oder Parallelveranstaltung. Wieso Entscheidungsträger_innen des Instituts für Sozialwissenschaften das wahrscheinlich ablehnen würden, findet ihr bereits auf diesem Blog dokumentiert. Die inhatlichen Konsequenzen, eine Grundlagenveranstaltung über die Geschichte anzbieten, erzwingt eine Grundlagenveranstaltung über, nennen wir es „Neue Soziologische Theorie“.

4. „An Makro ist doch nicht alles doof.“

Stimmt. Haben wir auch nicht gesagt. An der Vorlesung des Instituts, die der Professor hielt, war manches doof. Das haben wir geäußert. Die Handlungen, die Personen in ihren Rollen des öffentlichen Lebens vornehmen, müssen sich diese allerdings vorhalten lassen. Dies muss eine im öffentlichen Dienst angestellte Person über sich ergehen lassen.

Das eigentlich interesante an diesem Kritikpunkt Nummer Vier, dass er von den Studierenden kommt. Herr Makropolus äußert sich einfach nicht zur Kritik. Aber er unternimmt, soweit wir das bisher abschätzen können, auch nichts gegen die Kritiker_innen. Daraus darf man durchaus schließen, dass seine Person Kritik an seiner Rolle für ein Phänomen halt, mit dem man im obigen Sinne leben muss. Bei einigen seiner Zuhörer_innen scheint dieses für die funktionalistsiche Moderne so wichtige Verständnis noch nicht habitualisiert worden zu sein.

5. „Der Dozent ist gar nicht so mächtig, wie ihr ihn gerne hättet. Er ist selbst in einer prekären Arbeitslage.“

Das eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Nur weil eine Person einen befristeten Arbeitsvertrag hat, folgt daraus keine flache Hierarchie im Umgang mit Statusniedrigeren. Wenn wir von Grundkursdozent_innen hören, dass wir auf das Gendern in der Klausur bei Dr. Makropoulos im Sinne unserer Note verzichten sollten, dann spricht das eine deutliche Sprache – ganz gleich, ob das ein berechtigter Hinweis ist, oder nicht.

Was bleibt?
Die Debatte; denn gegessen ist das Thema lange nicht. Leser_innen und Begleiter_innen der Aktion sollten trotz der teilweise herben Kritik nicht vor Reflexion zurückschrecken. Für uns war die Aktion mit oben genannten Einschränkungen erfolgreich. Auch wir haben Dinge gelernt. Der Streit geht weiter.

Mehr Infos:

Der Offene Brief:
http://hu.blogsport.de/2015/02/05/offener-brief-an-soziologie-professor/„>http://hu.blogsport.de/2015/02/05/offener-brief-an-soziologie-professor/

Pressemitteilung: „Betroffener Prof. außert sich- nicht“:
http://hu.blogsport.de/2015/02/12/b-protest-an-der-hu-betroffener-prof-aeussert-sich-nicht/

Soziologische Theorie oder Soziologische Klassiker? Der feine Unterschied:
http://hu.blogsport.de/2015/02/10/soziologische-theorie-oder-soziologische-klassiker-der-feine-unterschied/

Trotz Prüfungsstress die Lust zu lesen:
http://hu.blogsport.de/2015/02/15/trotz-pruefungsstress-lust-zu-lesen/

„Ja, was sollen wir den lesen?“ Eine Entgegnung.
http://hu.blogsport.de/2015/02/15/ja-was-sollen-wir-denn-lesen/

Reaktionen auf die Aktion:

„Gute Lehrstühle änderen nichts“:
http://hu.blogsport.de/2015/02/14/gute-lehrstuehle-andern-nchts/

„Erstis und Gutmenschen einträglich versammelt“?:
http://hu.blogsport.de/2015/02/28/erstis-und-gutmenschen-eintraeglich-versammelt/


3 Antworten auf „Ein Offener Brief – eine offene Bilanz“


  1. 1 Ein Aktivist 09. März 2015 um 9:04 Uhr

    Ist ja auch mal gut jetzt.

    Reflektiert mal den Elfenbeinturm in dem sich das abspielt und die gesellschaftliche Relevanz… und dann überlegt noch mal, wo eure Kraft besser angebracht wäre.

  2. 2 Administrator 11. März 2015 um 12:34 Uhr

    Zum Thema „Reflektion“ und „Elfenbeinturn“: Hast du den Text gelesen, oder war er dir zu lang?

    Zum Thema „Aktivist“: Reflektier mal dein „Aktivist sein“.

    http://zabalazabooks.net/2011/09/20/give-up-activism-a-critique-of-the-activist-mentality-in-the-direct-action-movement/

    Ein Text, aus dem englischen Sprachraum von 2011, der das Rollenmodell „Aktivist“ aus einer emanzipatorischen Perspektive kritisiert.

    Und mittlerweile auch in Deutschland angekommen:

    https://linksunten.indymedia.org/de/node/128330

    Aber Vorsicht. Sind beides lange Texte…

  3. 3 Ein Aktivist 11. März 2015 um 14:23 Uhr

    Kannte ich schon.
    Aber danke, ich kicherte, ihr Internetrevolutionär_innen.
    Glaubt weiter an die Relevanz eures Elfenbeinturmaufschreis aber akzeptiert, euch damit einer öffentlichen Kritik auszusetzen.

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