Münkler Watch Folge 10

vom 16.06.2015

Thema Idealstaat und Utopie
In der Vorlesung vom 16.06. thematisierte Herfried Münkler den Idealstaat und die Utopie. Die Motive der Utopien waren immer mit einer Hoffnung auf positiven Veränderung verbunden.Dabei unterschiedene sich solche Utopien, die nicht umsetzbar sind und solche die durch Herrschaft durchgesetzt werden können. Zum Beispiel Architekturprojekte, die Münkler aber als schrumpfformen utopischer Vorstellungen bezeichnete. Gleichzeitig zeigt sich in der Vorlesung die Problematik utopischer Vorstellungen und wie sie durch exotisierungen auch reale koloniale Verhältnisse geprägt hat.

Postutopisch

Habermas hat das Versiegen der Energien, die eine Utopie begleiten, indem sie mit dieser Energie eine Veränderung beschreiben, als versiegt beschrieben.
Bestimmend dafür ist, laut Münkler der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in Osteuropa vom 20. in das 21. Jahrhundert, und, eine Hinwendung einer kommunistischen Partei zur kapitalistischen Wirtschaft. Die Ideen einer Utopie wurden solange gekürzt, oder verändert, dass am Ende von der Utopie, die auch eine Sozialstaatlichkeit beschreiben will, nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Antike Utopievorstellung
Münkler beginnt bei Platon und seiner „Politeia“. Diese sei zwar keine Utopie, da diese Gattung in der Kategorie mit Morus entstanden gewesen sein soll, er gab jedoch in seiner Politea das utopische Denken vor. Die Idee einer fremden Gesellschaft, die das europäische Auge noch nicht erblickt hat, hat Morus nach Platons Politea entwickelt.
In Platons Politea fragen Platons Brüder Glaukon und Adeimantos Sokrates, ob die Form des guten Staates jemals Wirklichkeit werden könne. Sokrates schließt diese Form des guten Staates nicht aus, jedoch in anderen zeitlichen und räumlichen Sphären.
Utopien haben immer ein spielerisches Element. Fiktion und “Wahrheit” sind die Spielbälle dieser Utopie, wie auch bei Morus. Seine Reise lässt er mithilfe der Reiseberichte Vespucci beginnen. Diese Berichte sind realexistent und nehmen der Utopie zeitweilig den Charakter der Fiktion. Fiktiv wird es, wenn er den Erzähler dieser Reise den Namen Raphaeö Hytblodeus gibt. An alle, die Morus’ ’Utopia’gelesen haben, weil es Bestandteil der Pflichtlektüre ist, dieser Name ist altgriechisch zu übersetzen mit ,Schaumschläger’oder ,Märchenerzähler’.

Menschenfressende Schafe
Die Idee, mit einer Utopie eine Alternative zu Reformen und reformative Maßnahmen darzustellen, nutze auch Morus. Er beschrieb in seiner Utopie Reformen, die die Handlungsfähigkeit des Staates verändern sollte. Ein Zeitgenosse Morus’ ist Martin Luther. Bekannt für den Thesenanschlag in Wittenberg, wollte diese zu den Ursprüngen der Kirchenorganisation zurück, er wollte eine reformative Maßnahme in Gang setzen.

Ich nehm‘ was mir zusteht
Die Utopianer führten nicht selbst als Soldaten Krieg, da sie nicht wollen würden, dass innerhalb ihrer Gesellschaft eine kriegerische Kaste entstehe. Die Möglichkeit dies zu vermeiden sei sich Söldner zu kaufen. Ebenso ist hier der Charakter des Gemeinwesens innerhalb eines Staates zu erkennen. Gold ist kein anerkanntes Tauschmittel in Utopia. Erwerb bestimmter Dinge ist in Utopia an keine monetäre Gegenleistung gebunden. Was die Menschen brauchen, können sie sich nehmen. Die Menschen arbeiten und als Gegenleistung bedienen sie sich an den Waren, die sie benötigen. Dies ist ein Element der Sozialstaatlichkeit, welches jedoch auf lange Sicht, umgegeben von kapitalistischen Nachbarstaaten keinen Fuß fassen kann.

Augen zu und durch
Genau so würde heute auf dem internationalen Kriegsmarkt auf private „Sicherheitsfirmen“ zurückgegriffen. Es ist durchaus wichtig darauf hinzuweisen, dass auch in einer Gesellschaft in der die Menschen erstmal nichts mit Krieg zu tun haben wollen, bzw. dem passiv gegenüber stehen, trotzdem Kriege geführt werden können, ohne die vermeintlich friedliche Innenansicht der Gemeinschaft mit ihren Idealen aufzugeben.
Eine breite Debatte über die Legitimität von Krieg, um wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, wie Münkler sie sich wünscht, ist unter diesen Voraussetzungen schwierig.

Spiegel der Gesellschaft
Allen Utopie liegt eine Sozialkritik des Bestehenden zu Grunde. Mit der Utopie soll die bestehende Gesellschaft auf Missstände, oder auch Krisen aufmerksam gemacht werden.
Eingetretene Pfade sollen verlassen und reformiert werden und neue Ideen sollen von der bestehenden Gesellschaft durchdacht werden. Die Idee des Schiffsbruchs ist eine metaphorische Verkleidung, alte Pfade zu verlassen, und neue Wege einzuschlagen.
Denn neu sind diese Pfade nur, weil sie noch nicht von europäischen Füßen betreten wurden.

Mönchens Kinder

In der Utopie des Mönchen Tommaso Campanella in dem Buch „Civitas Solis“ wird der Blick auf die Erbschaftsverhältnisse gerichtet. Der Sonnenstaat sei geprägt durch die Erfahrung, dass absichtlich das Getreide verknappt wurde, um die Preise zu heben und so viele Menschen zu Dieb_innen geworden seien. Daher sähe er die Lösung der Ungerechtigkeit in der Auflösung der Ehe als Teil der Feudalherrschaft, in dem „Gemeinbesitz an Frauen“. Einmal im Jahr würde zur Paarung aufgerufen, sodass die Kinder nicht ihren Vätern zugeordnet werden könnten. Das Ideal der Egalität sei hier, auch ausgedrückt in der uniformen Kleidung, zentral. Münkler verwies auf die unglaublich männliche Perspektive aus der Tommaso schreibe, Sex in dem Rest des Jahres sei eben nur mit unfruchtbaren oder schwangeren Frauen erlaubt. Das Ideal in „Atlantis“ von Francis Bacon sei ein ganz anderes. Hier ginge es um die Ordnung des wissenschaftlichen Fortschritts, um die Besinnung auf die Naturwissenschaften nach der Formel „Wissen ist Macht“.

Utopische Schrumpfform
Ein ganz neues Verständnis von Utopie sieht Münkler bei dem italienischen Architekten Piccolomini, der Utopie zu etwas mache, das im Hier und Jetzt umzusetzen sei, zumindest von Leuten, die genug Geld dafür hätten. Als weiteres Beispiel nennt er den Entwurf von Filaretes Idealstadt „Sforzinda“, die nach rationaler Geometrie entworfen ist und keine toten Winkel habe.
Diese Art des Bauens sei nicht mehr kommunal genossenschaftlich, sondern von den Herrschenden bestimmt, um sich selbst ein Denkmal zu setzen.

Defoes Puritanismus-Utopie…

Dass durch die ungleiche Machtverteilung utopische Vorstellungen durchaus umgesetzt werden können, zeigt sich auch in den Romanen der Kolonialisierungsepoche Defoes und Diderots.
Nach der europäischen Expansion war das Motiv der räumlichen Utopie allmählich im Verschwinden begriffen. Es gab keine Räume mehr die den europäischen Utopisten als unbekannt galten.
Das ließe sich nach Münkler unter anderem an Daniel Defoes Roman „Robinson Crusoe“ verorten.
In ebendiesem wurde durch das puritanische Ideal der Arbeit in der vormals unerschlossenen Insel, eine Verwandlung in einen fruchtbaren, paradiesischen Zustand geschaffen.
Die Verteidigungsfähigkeit der puritanischen Enklave in Romanform schien für Defoe seine Legitimation in der ominösen Gefahr des Kannibalismus durch die indigene Bevölkerung zu sein.
Am Beispiel des Umgangs von Robinson Crusoe mit Freitag (Crusoe bring Freitag die englische Sprache, seinen Glauben und seine Wertvorstellungen bei) zeigt sich das europäische Überlegenheitsgefühl gegenüber Menschen des globalen Südens.
Den Unmut über dieses Herrschaftsverständnis und die in vermeintliche Verwandlung in paradiesische Zustände zeigt sich in Diderots „Bougainvilles Reisen“.
In diesem kommt ein „Tahitianischer Greis“ zu Wort, der die Ankunft der Europäer_innen in der Südsee verurteilt. Sie seien habgierig gekommen und hätten durch ihre Ideale die Menschen dazu gebracht mehr zu wollen. Die Zufriedenheit mit dem vormaligen Lebens war damit vorbei.
Diderot konstatiert, dass durch die Dingbarmachung aller Ressourcen der Südseeinseln, also auch die der menschlichen Arbeitskraft, die Welt der indigenen Bevölkerung durch Arbeitsethos und Krankheiten der Eroberenden zerstört wird.

…und die Realität der Kolonisation
An den beiden Beispielen des Robinson Crusoe und der Erzählung des „Tahitianischen Greis“ wird die krasse Problematik des unreflektierten Wiedergebens der Ideengeschichte deutlich. Zwar wird oberflächlich kritisiert, dass die Kolonialherr_innen Krankheiten und Unterdrückung mit gebracht hätten, dies passiert jedoch ausschließlich mithilfe einer permanenten Exotisierung, die stereotypisierte rassistische Bilder bedient. Menschen des globalen Südens werden als nicht arbeitsam und ohne sexuelle Moral beschrieben. Auch wenn dies in den Worten von Münkler positiv als ein Leben in „Muse“ beschrieben wird, reproduziert und relativiert es nach wie vor rassistische Stereotypen. Die realen Konsequenzen der Ideengeschichte zeigt sich drastisch in der Kolonialgeschichte. Vergewaltigungen von Schwarzen Frauen durch weiße Soldaten waren und sind alltäglich und in den Köpfen der Soldaten völlig legitim. An diesem Beispiel wird deutlich wie die politische Ideengeschichte Kolonialismus legitimiert hat und es bis heute rassistische Bilder reproduziert.

Mehr Infos:

Alle Folgen Münkler-Watch:
http://hu.blogsport.de/muenkler-watch/

FAQ zu Münkler-Watch:
http://hu.blogsport.de/2015/05/12/faq-muenkler-watch/

Stellungnahme von Prof. Dr. Münkler zu Münkler-Watch:
https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/theorie-der-politik/mitteilungen


3 Antworten auf „Münkler Watch Folge 10“


  1. 1 Anonym 25. Juni 2015 um 15:26 Uhr

    Es muss heißen Utopianer_innen und Söldner_innen. Oder ist korrektes gendern nicht mehr in Mode?

  2. 2 JekyllsQuestion 30. Juni 2015 um 0:54 Uhr

    Fragt doch einmal Herrn Prof. Münkler, ob und wann
    der IS Anschläge in Berlin starten wird?

    Merkt Ihr nicht, was sich hier zusammenbraut??
    Wollt Ihr so unvorbereitet dieser Konfrontation gegenüberstehen?
    „Elite“ kann man das nicht nennen.
    Stellt Euch der Wirklichkeit!
    Argumentiert präventiv!
    Ihr steht dieser Konfrontation fast vollkommen hilflos gegenüber!
    Und Eure eigenen Politiker dulden dies wissentlich.
    Und der Nachschub reißt nicht ab!
    Noch nicht einmal Eure Handfeuerwaffen könnt ihr sicher gebrauchen,
    Eure Feindaufklärung ist lustig und Eure Vorlesungen bezogen
    auf diese Herausforderungen tragisch-komisch!
    Eure Kommandostrukturen und militärische und polizeiliche Leistungsfähigkeit stehen im krassen Mißverhältnis zu
    der Risikobereitschaft Euer Politik und Bildungseliten.
    Es ist unglaublich! Wißt Ihr überhaupt nie, wie stark Ihr
    verwundbar seid??! Ihr seid stärker verwundbar als ein
    Drittweltland ohne Industrie, welches aber genügend Selbstverteidigungswaffen und fähiges Personal hat.

    Vorlesungen, die Schuldgefühle oder Allmachtsphantasien inspirieren sollen(siehe diese Vorlesung), empfinde ich ungeeignet, ins Besondere
    wenn der Feind schon im Lande ist!
    Soll der IS etwaige Drecksarbeiten übernehmen oder wenigstens
    den gewünschten Notstand herbeiführen?

  3. 3 Paul 15. Juli 2015 um 11:38 Uhr

    Vielen Dank für die fleißige Mitschrift dieser Vorlesung! Ich fürchte nur, für jemanden, der von Utopien keine Ahnung hat, ist sie nicht sehr hilfreich, aber für mich war sie genau richtig und ich habe einiges mitnehmen können. Eventuell sollte man allerdings vor dem Veröffentlichen noch einmal drüber lesen, es kam in der Eile doch zu einigen Flüchtigkeitsfehlern. Wie man auf Basis dieser Mitschrift Herrn Münkler vorwerfen kann, er fördere Rassismus und Neokolonialismus, ist mir allerdings schleierhaft. Weil er die Rede des „Tahitianischen Greises“ angesprochen hat? Oder weil er „Robinson Crusoe“ aus zeitgeschichtlicher Perspektive erläutert hat? Da hatte ich mehr erwartet.
    Eine Universität ist doch (auch) dafür da, Anschauungen anderer Zeiten und Räume aufzuarbeiten und zu analysieren. Die Rezeptionshoheit liegt noch immer bei dem Studenten / der Studentin, der Professor kann und soll nur Material und Interpretationsmöglichkeiten liefern. Wie stellen Sie sich das denn vor? Soll Diderot mitsamt anderer „problematischer“ Texte von den Universitäten verbannt werden? Wer sollte das entscheiden und ist Totschweigen schon je eine gelungene Problembewältigung gewesen? Oder wären Sie bereits zufrieden gewesen, hätte Herr Münkler deutlicher auf das Offensichtliche hingewiesen? Und würde das etwas am Verhalten der UN-Soldaten ändern oder haben wir es hier nicht eventuell auch mit einem rigorosen Ausnutzen von Machtstrukturen zu tun? Dass Soldaten aus Frankreich Frauen in Zentralafrika vergewaltigen, lässt sich mit Ihrer Theorie ja noch hinreichend erklären, aber Soldaten aus dem Tschad und Äquatorialguinea? Was habe die mit Münklers Darstellung utopischer Literatur in Europa zu tun?

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