Münkler-Watch 13: Religion und Politik

Nach den Erläuterung zur Klausurteilnahme (Perso und Studierendenausweis („(…) so heißt das jetzt“) startete Prof. Dr. Münkler mit dem Versuch eines aktuellen Bezuges in die ideengeschichtliche Betrachtung des Themas „Religion und Politik“. Lange habe man geglaubt, Säkularisierung sei ein mehr oder weniger unumkehrbarer Prozess. Dabei habe sich zunächst nur die Frage der Bejahung (Fortschritt, Aufklärung, Vernunft, Rationalität) oder der Ablehnung (Konservatismus, Werteverlust) gestellt. Doch das Erstarken des Islamismus habe diese Wahrnehmung verändert.

Exemplarische Debatte im 16. Jahrhundert
In dieser veränderten Betrachtungsweise träfe Fundamentalismus in den drei monotheistischen Religionen auf die Säkularisierung. Dabei trete zutage, dass sich heutzutage individuelle und gesellschaftliche Opferbereitschaft offensichtlich viel besser mit Religion mobilisieren lasse, als mit einer politischen Ideologie. Vieles von dem, was er aus dem Streit der Reformator_innen Thomas Müntzer und Martin Luther im 16. Jahrhundert herausarbeiten werde, sei so oder so ähnlich auch in der aktuellen Debatte zwischen Jihadismus, Salafismus und Euro-Islam in der Debatte. „Bitte benutzen das ruhig als Spiegel für heute“ forderte er seine Zuhörer_innen auf.

Bibel wörtlich auslegen?
Hauptstreitpunkt der Reformator_innen Müntzer und „Doktor Martin“, wie Münkler ihn nennt, sei die Frage der wörtlichen Auslegung der Bibel gewesen. Müntzer habe für eine wörtliche Interpretation gestritten. Daraus zog er u.a. den Schluss, dass eine evangelikale Herrschaft bereits jetzt existieren müsse, indem Menschen wie in der Bibel beschrieben handelten. Die Fürsten hätten dabei zu helfen. Täten sie dies nicht, sei dies ungerecht, und die Menschen, „das Volk“ hätte ein Recht zum Widerstand. Wenig überraschend war Müntzer Anführer_in in den Bauernkriegen um 1525. Müntzer fordert einen radikalen Umgang mit weltlichen Fürsten. Er fordert, wie auch Luther zur Anwendung von Gewalt auf, nur dass Luther Gewalt als ein Akt der Nächstenliebe beschreibt, um das Böse abzuwehren.

Bibel kontextgebunden betrachten?
Luther hingegen habe die unmittelbare Geltung der Bibel bestritten. Die Geschichten seien kontextgebunden, da Gott zum einen konkrete Aufträge an konkrete Menschen in konkreten Situationen gegeben habe. Darüber hinaus habe er diese Aufträge durch Wunder oder ähnliches bekräftigt. Deshalb seien die Aufforderungen kontextgebunden und in der Regel nicht verallgemeinerbar. Deshalb hätten die Fürsten auch keinen Auftrag, irgend etwas aus der Bibel direkt umzusetzen. Eine Welt ohne Gesetze, die nur anhand der christlichen Gebote funktioniert, kann es laut Luther nicht geben, da das Böse im Menschen unter dem Gewand des Christlichen weiterhin „böse“ handelt, nur dieses christlich auslegeten. Und deshalb gäbe es auch kein Widerstandsrecht gegen die Obrigkeit, schlussfolgert der laut Ministerknecht Münkler zu Unrecht als „Fürstenknecht“ verunglimpfte Luther. Die Menschen, hier die Untertanen sollen sich soweit wehren, als dass sie das Eingreifen auf des Seelenheil des Menschen gegenüber der Obrigkeit benennen. Und, Gewalt, wenn es aus Nächstenliebe für einen anderen Menschen angebracht ist.

Luthers neues Christ_innenbild
Luthers Disput mit der Römischen Kirche entzündete sich laut Münkler an einer anderen Frage. So entwerfe Luther ein völlig neues Christ_innenbild. In der mittelalterlichen Annahme gäbe es vollkommende und nicht-vollkommende Christ_innen. So könnten Menschen durch Gebete, Klosterleben, Beichte, Wohltätigkeit, Ablasshandel, etc. einen Teil der Erbsünde loswerden und Gott näher kommen. Die katholische Kirche nutzt die Unwissenheit des Volkes (Bibel ist nur in Latein geschrieben), um Kohle zu machen, und damit u.a. dem Petersdom zu finanzieren. Luther stößt sich daran, dass o.g. Funktionen der Bischöfe soweit reichen, dass sich diese „gottesähnlich sehen“. Wer Gott nahe sei, könne auch herrschen. Deshalb gäbe es im Mittelalter ideengeschichtlich keine Trennung zwischen weltlicher Herrschaft und religiöser Sphäre. Luther verwirft diese Annahme. Durch eigenes Tun werde der Mensch die Erbsünde nicht los. Deshalb gäbe es als Ausweg nur die Gnade Gottes. Damit gibt es nun aber keine Verbindung mehr zwischen weltlicher und göttlicher Herrschaft mehr. Eine evangelikale Herrschaft sei wegen der Erbsünde unmöglich: „Bitte hören Sie da die aktuelle Debatte immer mit“.

Weichzeichnung eines Antisemiten
Aufgrund dieser Annahmen zeichnet Münkler „Doktor Martin“ sehr weich. So interpretiert Münkler Luthers Widerworte gegen die fundamentalistischen Bilderstürmereien der Anhänger_innen Müntzers angeblich mit einer Warnung. Wo Kulturgüter brennen würden, würde auch bald Menschen brennen. Das Luther u.a. an anderer Stellen Juden Dinge zugenkt, die aus heutiger Perspektive sofort an 1933-1945 denken lassen, wird von Münkler in der Vorlesung ausgeblendet. Auch sieht Münkler den „deutschen Sonderweg“ in die Moderne mit Auschwitz als Gipfel nicht wirklich in einer Pfadabhängigkeit mit Luthers Theologie, „höchstens mentalitätsgeschichtlich.“ Darüber hinaus vermutet er Luther trotz der weitgehend oppurtunistischen Haltung der lutherischen Kirche im Widerstand gegen Hitler. Die Vermischung von Religion und Politik, die für die Selbstinszenierung des Nationalsozialismus typisch gewesen sei, hätte Luther in höchsten Maße alarmiert. Darauf, was für ein sonderbares Argument es ist, den Nationalsozialismus angesichts der Verbrechen, die schon 1933/34 über die Bühne gegangen waren, wegen eines theologischen Disputes abzulehnen, sei mal dahin gestellt. Aber für Herr Bisky von der Hauptstadtredaktion der SZ ist dieser Gedanke vermutlich wieder ein „Freislern“.

Über die Rolle von Religion in Konflikten
Darüber hinaus debattierte Münkler mit sich selbst, ob Religion eine konfliktdämpfende oder konfliktfördernde Angelegenheit sei. Religion müsse dabei als auf der Vorstellung des Opfers im Sinne eines unverstandenen Tausches mit betrachtet werden. Als Opfer käme zweierlei in Frage. Zum einen ein Opfer im Sinne von Verzieht auf etwas im Sinne einer gesellschaftlichen Kompromisslösung. Darüber hinaus sei aber auch ein persönliches Opfer für den Krieg in dieser Vorstellungswelt denkbar. Religion könne damit beides sein.

Rolle der Religion im öffentlichen Leben?
Unter anderem deshalb sei die Frage wichtig, welchen Stellenwert Religion im öffentlichen Leben habe solle. Als Beispiel für aktuelle Debatten nannte Münkler die Debatte ums Kirchenasyl und die um Atomwaffen vor 30 Jahren. Wenn man hier mit religiösen Versatzstücken argumentiere („Bewahrung der Schöpfung“, u.ä.) müsse man sich der Tragweite bewusst sein, wenn man bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens z.B. der Justiz entziehe: „Jedenfalls für die, die bereit sind, zu denken und die Folgen auf sich zu nehmen“.

Religionskritik
Im zweiten Teil ging Münkler auf sogenannte Religionskritik ein. Von Machiavelli zog er dabei eine Linie zu Carl Schmitt. In diesem Perspektiven sei nicht die Frage, ob es Gott gäbe oder nicht, relevant. Viel mehr werde hier Religion als ein Mittel zur Gestaltung des öffentlichen Lebens und der Politik betrachtet. Dabei reichen die Perspektiven vom störenden Faktor bei nationalen Einigungen bis zum zu bejahenden Ordnungsfaktor, der über diskursive Steuerung das gemeinsame Zusammenleben von Menschen gewährleiste. Laut Münkler gipfele diese Analyse in Carl Schmitt Postulat, dass alle politischen Begriffe aus der Theologie entlehnte säkularisierte Begriffe seien. Münklers Fazit bestand darin auf die mächtigen Bilder zu verweisen, die Religion mobilisieren könne. Dieses Spiel mit Sehnsüchten, Ängsten, Erwartungen und Wünschen könne sie jederzeit zu einem Faktor in der Politik machen.

Disclaimer: Nicht mit Münkler-Watch lernen!
Zum Abschluss wünschte er allen Teilnehmenden alles Gute. Er halte im nächsten Semester keine Vorlesung: „Mal sehen, was Münkler-Watch macht. Vielleicht sind sie ja frustriert. Ich gönne ihnen das“. Außerdem scheint Münkler zu ärgern, dass viele Studies in diesen Mitschriften die Vorlesung durchaus wiedererkennen. Deshalb warnte er ausdrücklich davor, aufgrund der angeblich darin enthaltenen Fehler diese Mitschriften als Klausurvorbereitung zu nutzen. Eine reflektierte Pädagogin hätte die Größe, die veröffentlichten Mitschriften als Spiegel zu benutzen, für die Frage, wie viel bei dem vorhandenen Vortragsstil eigentlich bei Studies hängen bleibt (… laut Erziehungswissenschaftler_innen sind es bei Vorträgen a la Münkler höchstens 10%. Der Anteil wird deutlich höher, wenn in den Lehrveranstaltungen Inhalte selbst erarbeitet werden…). Aber anstatt sich selbst und das eigene Wirken selbstkritisch zu betrachten, bleibt jemanden wie Münkler eben nur das Beschimpfen der Kritiker_innen als inkompetent, dumm, und intellektuell nicht in der Lage, mit ihm mitzuhalten.

Mehr Infos:

Alle Folgen Münkler-Watch:
http://hu.blogsport.de/muenkler-watch/

FAQ zu Münkler-Watch:
http://hu.blogsport.de/2015/05/12/faq-muenkler-watch/

Stellungnahme von Prof. Dr. Münkler zu Münkler-Watch:
https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/theorie-der-politik/mitteilungen


32 Antworten auf „Münkler-Watch 13: Religion und Politik“


  1. 1 Matthias 09. Juli 2015 um 23:22 Uhr

    sehr gute Zusammenfsssungen.
    guter Blog.
    Give it.

  2. 2 VieleChancenAufVerbesserung 10. Juli 2015 um 4:31 Uhr

    „…Aber anstatt sich selbst und das eigene Wirken selbstkritisch zu betrachten, bleibt jemanden wie Münkler eben nur das Beschimpfen der Kritiker_innen als inkompetent, dumm, und intellektuell nicht in der Lage, mit ihm mitzuhalten. …“

    Ich kann seine emotionale Ergriffenheit nachvollziehen, da sie
    eine menschliche Regung ist und sicherlich so manchen verschmähten
    Liebhaber oder gescholtenen Arbeiter oder schlecht benoteten
    Studenten nicht fremd ist. Doch sollte man sich im Griff haben
    oder konsequenterweise solche Ausfälle auch beim Untergebenen tolerieren. Wo würde man da landen;)?

    Die generelle Misere ist, dass der verbeamtete Professor stets seine Überlegenheit gegenüber den anderen
    glaubt beweisen zu müssen, um seine Privilegien zu rechtfertigen.

    Einer Uni muss es aber darum gehen, einen wissenschaftlich,
    kulturell, ökologisch und ökonomisch starken und kerngesunden
    demokratischen Staat(!!!) und Suprastaat hervorzubringen.
    Es geht nicht darum einen Koketteriewettbewerb zu gewinnen!
    Deshalb müßte Herr Prof. Münkler eigentlich
    seine emotionalen Belange zurückstellen und sich ernstlich fragen, ob mit seiner Lehre genügend Studenten und Studentinnen
    einen Zusammenbruch der Demokratie erkennen und verhindern könnten
    oder nicht, geschweige denn diese auszubauen.
    Meiner Meinung werden hierfür in dieser Vorlesung NICHT
    die Grundlagen dafür gelegt.

    „…
    Eine reflektierte Pädagogin hätte die Größe, die veröffentlichten Mitschriften als Spiegel zu benutzen, für die Frage, wie viel bei dem vorhandenen Vortragsstil eigentlich bei Studies hängen bleibt (… laut Erziehungswissenschaftler_innen sind es bei Vorträgen a la Münkler höchstens 10%. Der Anteil wird deutlich höher, wenn in den Lehrveranstaltungen Inhalte selbst erarbeitet werden…).
    …“
    Auch dieser Ansatz ist unwissenschaftlich, da eben nicht
    gesagt werden kann, welcher Forenbeitrag von einem Studenten
    genau dieser Lehrverantstaltungsreihe stammt.
    Das Ganze findet doch nicht im Hochschulnetz der Uni statt!

    Herr Münkler und auch die Erziehungswissenschaften haben nicht
    den Grahl der Weisheit entdeckt. Die Gefahr Abweichler schlecht
    zu beurteilen und damit für macht- und marktrelevante Funktionen
    zu deselektieren ist doch nicht zu unterschätzen.
    So wird mit Pseudoelitarität Fortschritt verhindert.

    Deshalb finde ich auch das Konstrukt der Eliteuniversität
    Mist! Es werden einfach alle Fakultäten ob gut oder nicht
    emporgehoben, obwohl nur spezielle Fakultäten diese
    Leistung tatsächlich begründen können. Andere Hochschulen
    mit in der Lehre und/oder Forschung sehr guten Einzelfakultäten
    werden dabei diskriminiert.
    Deshalb halte ich auch nichts von Bundesuniversitäten und
    Eliteuniversitäten, weil Sie paradoxerweise das Leistungsprinzip aushebeln!
    Die Irrglaube an die Vorausbestimmtheit und Determiniertheit der menschlichen Leistungsfähigkeit führt zur ökonomischen
    Ausgrenzung ganzer Soziokulturen und Regionen in Deutschland.
    Nur schlechte Noten zu vergeben, den Salonprovokateur zu mimen,
    mit Journalisten exquisit zu dinnieren, reicht nicht!

  3. 3 weicher Baron 10. Juli 2015 um 18:36 Uhr

    Luther sprach sich ganz im gegenteil gegen die gewalt aus bzw den aufstand wider die obrigkeit siehe dazu Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren bitte aufpassen in der vorlesung

  4. 4 weicher Baron 10. Juli 2015 um 18:38 Uhr

    eine frage noch glauben die betreiber jener seite wie ich das grade lese sich mit herrn münkler intiektuell messen zu können das würde mcih sehr interessieren ?

  5. 5 josy 12. Juli 2015 um 15:55 Uhr

    Ihr habt „Juden“ nicht korrekt gegendert.

  6. 6 Nike 15. Juli 2015 um 11:01 Uhr

    Ein Armutszeugnis dieser Blog. Außer den Beweis das man fleißig Texte genderkonform und damit vom lesefluss her unnötig erschweren kann tragt ihr nichts zu irgendetwas bei. Kritische Auseinandersetzung mit Wissenschaftlichen Themen und deren Interpretation hat in Vorlesung/Seminaren stattzufinden und nicht anonym auf einem Blog. Das zeugt nur von eurer Feigheit einen wissenschaftlichen Diskurs über die euch erregenden Themen mit dem Dozenten einzugehen. Vermutlich weil ihr intellektuell und vom Umfang eures Wissens dem nicht gewachsen seid. Besserwisserei und Feigheit nennt man sowas im Volksmund.

  7. 7 Studiosi 15. Juli 2015 um 11:10 Uhr

    Mein Respekt für Münkler. Guter Mann!

  8. 8 Walter 15. Juli 2015 um 11:20 Uhr

    „Darauf, was für ein sonderbares Argument es ist, den Nationalsozialismus angesichts der Verbrechen, die schon 1933/34 über die Bühne gegangen waren, wegen eines theologischen Disputes abzulehnen, sei mal dahin gestellt.“
    Solche und andere Nonsenssätze sondert Münkler-Watch ab. Hier tummeln sich Schreiberlinge, die nicht einmal „dass“ und „das“ unterscheiden können und trauen sich keine offene akademische Diskussion zu führen. Bah, was für ein erbärmliches Verhalten.

  9. 9 agztse 15. Juli 2015 um 11:22 Uhr

    Der Artikel des Spiegel zu dieser Aktion ist treffend. Erbärmliche Feiglinge die Diskurs scheuen und durch Internetaktionismus eine Mehrheit simulieren die gar nicht existiert. Es muss frustrierend sein so irrelevant zu sein.

  10. 10 Moert 15. Juli 2015 um 15:21 Uhr

    Jaja,
    im Web abzulästern, das ist ganz groß.
    Ich möchte einen von euch mal sehen, wie er vor vielen Leute steht und dort seine Thesen vorbringt, in der sicheren Gewissheit, dass alles gesagte nachher im Web wieder verunglimpft wird. Erarbeitet euch erst einmal eine Position, wie er sie inne hat, dann dürft ihr euren Stuss gerne verbreiten.

    Ps. Nicht jeder der eure Meinung vertritt, ist gleich ein Rassist, Kriegstreiber usw.

  11. 11 Klaus 15. Juli 2015 um 16:00 Uhr

    Fürst_innen! Wenn man schon zwei unbestreitbar männliche Reformatoren gendert, so könnte man doch einen Satz später mal ‚n bisschen Konsequenz erkennen lassen.

    Wie auch immer, Münkler hin oder her, das eigentliche Problem an dieser Sache ist, dass hiermit wieder einmal Klischees über „linke Studenten“ bestätigt werden, die jede Akzeptanz linker Gedanken in der breiten Masse verhindern.
    So wird’s dummerweise nücht mit dem Klassenkampf – anstatt sich selbst Probleme zu kreieren, um im Anschluss arrogant mit einer vermeintlichen Lösung hausieren zu können, sollte man lieber mal an Aktionen denken.
    Organisieren und danach ab zur Gewerkschaft oder Partei oder Aktionsgruppe oder was-weiß-ich – aber das ist ’ne Scheißaktion, die wenn überhaupt nur Gegenteiliges bewirkt.

  12. 12 Orac Reyem 15. Juli 2015 um 18:46 Uhr

    Was ihr einfach nicht begreift: ihr seid die Extreme Mitte. Teutonische Studis, die sich in beflißener Selbstgerechtigkeit gefallen.

    Ich bin schwul, ich bin Sint und man sieht es mir auch an. Ich weiss, wie es ist diskriminiert zu werden – ihr nicht, liebe blonde Dominiks und brünette Emmas. Und genau darum fehlt euch das Gespür für Zwischentöne – und offenbar auch schlicht einiges an persönlicher Reife.

    Unerträglicher finde ich nur noch, dass „wir“ Minderheiten immer für eure narzistische Selbstdarstellung als Feigenblatt herhalten müssen.

    Nein Danke, liebe „kritische Teutonen“, es hat euch keiner um euren ungefragten Einsatz gebeten. Zu denken, die Welt zu verändern, weil ihr „Reformator_innen“ schreibt, ist dann schon wieder irgendwie lustig. Ich bin gespannt, ob ihr genug Selbstironie habt euch mein Kontra gefallen zu lassen und es auch nicht zu löschen.

  13. 13 Klaus 15. Juli 2015 um 23:11 Uhr

    Ach bitte, Zensur schreit nach Stalinismus!

  14. 14 Auch Student 16. Juli 2015 um 6:43 Uhr

    Wenn es bei mir in der Vorlesung ein Problem mit vom Dozenten vermittelten Stoff gibt, dann melde ich mich und frage nach. Wenn Sie mit seinen Thesen grundsätzlich nicht einverstanden sind, dann diskutieren Sie es mit ihm. Sie können auch einen Artikel veröffentlichen (allerdings muss man da seinen echten Namen hinschreiben und es vorher von kritischer Stelle gegenlesen lassen). Stattdessen schreiben Sie einen Blog und Ihr Wunsch, hier anonym zu bleiben, ist völlig nachvollziehbar. Womöglich könnte Ihnen sogar das passieren, was Sie Ihrem verhassten Dozenten antun. Mich würde wirklich interessieren, ob die HU Sie wegen unehrenhaften Verhaltens exmatrikulieren könnte. Egal, ob Bologna oder nicht: Jeder Studienabschluss stellt die grundsätzliche Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten fest. Nach dieser Definition werden Sie womöglich noch lange für Ihren brauchen…

  15. 15 Ojediechinesen Werdenunsalleassimilieren 16. Juli 2015 um 10:39 Uhr

    Bei aller Kritik an dem bisweilen thematischen Eklektizismus dieses Blogs und bestimmten anderen Phänomenen der „radikalen“ Weltverbesserung durch akademische Linke, z.B. zu meinen, nur durch „politisch korrekte Begriffsumbenennungen“ die wirkliche Welt zu verändern (quasi durch radikale germanistische Revolutionierung der Sprache), der Attitüde, anhand von Beißreflexen und versimpelten Zusammenhängen die Prädikate pc oder un-pc zu verteilen, und das dann noch mit Vokabeln wie sexistisch (er gendert nicht->Sexist), rassistisch u.v.a.m. würzt (man verfolge mal die Entwicklung der Begrifflichkeit“Neger[= lat. f.Schwarzer“}-> ist rassistisch, es heißt jetzt „Schwarzer“-> ist rassistisch – es heißt jetzt“Afroamerikaner“-> jetzt sagen aber die „Neger, Schwarzen, Afroamerikaner“ – ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich ausdrücken soll – selbst: „Was soll das heißen, ich bin kein „Afroamerikaner“, ich bin in den USA geboren und will hier dieselben Rechte wie Weiße, aber meine Haut ist schwarz, deswegen bekomme ich sie nicht, ich bin ein schwarzer Amerikaner“, ja was sagt der germanistische weiße Begriffsrevoluzzer jetzt?),
    Trotzdem muss ich den Aktivisten hier Recht geben.
    War ich anfangs über die Rolle des Herrn Münkler zumindest skeptisch, so komme ich mittlerweile, nachdem ich ein paar Thesen von ihm gelesen habe, und mir auch ein Radiointerview von ihm zu aktuellen Themen wie EU-Krise anhören durfte, zu dem Schluss:
    Ihr habt ingesamt Recht.
    Wenn ich auch immer noch der Ansicht bin, ihr trennt hier nicht immer sauber genug zwischen Referieren der politischen Ideengeschichte durch Herrfried M. und seiner persönlichen Ansicht, aber wie er sich öffentlich zu aktuellen Themen äußert, macht es ziemlich klar, dass er eben nicht nur referiert, sondern Vieles auch selber teilt, was ich nur als Huldigung eines neu formulierten Imperialismus, als Billigung der hegemonialen Strategie der herrschenden weißen nordatlantischen Elitinnen und besonders der europäischen Oligarchien unter Vorsitz der deutschen bezeichnen kann.
    Der Mann will nicht nur Widerspruch herausforden, er denkt und äußert sich, nach seiner persönlichen Meinung gefragt, in der Öffentlichkeit auch genau so.

    Das sollte einen aber nicht auf Irrwege führen, sich nicht selber mit dem Stoff auseinader zu setzen, und stattdessen reflexartig mit politischen Totschlagvokabeln auf alle (politik-) geschichtlichen Tatsachen zu reagieren.

    Das heißt nämlich, das, was man bekämpfen will, letztlich in seinem inneren und äußeren Zusammenhang gar nicht zu erfassen, und führte unter anderem in den letzten Jahrzehnten zu dem allseits so beliebten Irgendwie-Links-Radikal-Germanismus, der nichts ändert, im Gegenteil den nichtakademischen Teil der Unterworfenen entnervt dem Rechtspopulismus in die Arme oder in die Indifferenz treibt.

    Letzlich mündet das nur in die Distinktion der startbereiten Nachwuchseliten von dem bösen, dummen, versauten, unmoralischen „Proletenpöbel“.

    Aber ansonsten finde ich dieses Blog eine gute Idee.

  16. 16 Johnny 16. Juli 2015 um 11:23 Uhr

    Hey,
    mal davon ab, dass ihr juden nicht korrekt gegendert habt -

    ihr seid ne deutsche brut, wa?

    feige denunzianten – sitzt in den vorlesungen wie die blockwarte einer … schlechteren wirklichkeit…. oder so.

    mädels.

    nicht cool.

    oder bist Du bloss ein frustrierter enddreissiger?

    naja – what is it? was es auch sei –

    typisch deutsch!!! :D

  17. 17 Johnny 16. Juli 2015 um 11:55 Uhr

    wait, mir ist grad noch…

    puh, also ihr postet nicht unter klarnamen, weil zukünftige arbeitgeber und so.
    der/die von euch geflamed werdende ist davon nicht betroffen?!?
    oder hat dies eh verdient(?!!111111?), weil von grund auf böse?

    das ist ziemlich…ich weiss nicht, da gab es doch mal so eine bewegung…mit blockwarten, wie euch, und gulags…Stalin!

  18. 18 Johnny 16. Juli 2015 um 11:57 Uhr

    bist du einfach nur so ein typ(*)in, in deiner hybris getroffen, der hier flamed?

    warum schrübe ich dann überh…ach egal. ftl

  19. 19 Orac Reyem 16. Juli 2015 um 13:56 Uhr

    @Ojediechinesen Werdenunsalleassimilieren
    Nur mal so am Rande:

    darum, ob die Kritik im Kern richtig ist oder nicht, geht es zumindest mir und augenscheinlich den meisten nicht. Sondern die ART wie sie geäußert wird. Deswegen habe ich dieses Geheimniskrämergetue ja auch durch meine eigene Namenswahl hier aufgegriffen („Cora Meyer“ etwas durcheinander geschmissen).

    Wer so extremst vom hohen Roß herab andere urteilt und dabei Sermone verfasst, die schon deutlich an den ungelenken Wortschwall der 68er Studi-Pamphlete erinnern, … der sollte sich nicht komplett unglaubwürdig machen, indem er dann nicht einmal mit seinem Namen zu seiner Meinung steht. Wer diesen Schneid nicht aufbringt, der soll es lassen – und sich v. a. nicht als großer Freiheitskämpfer aufschwingen. Mein Gott, Studis wie zB jene der „Weißen Rose“ hatten allen Grund zu Anonymität, das hier ist einfach nur – ja – Feigheit.

    Im Übrigen: selbst wenn die Kritik im Kern richtig wäre, es gibt sowas die Meinungsfreiheit, Freiheit der Andersdenkenden und so weiter. Das einzige, was ich noch stärker fürchte, als einen teutonischen Faschismus, der alle Andersdenkenden bekämpft, ist politisch korrekte Gesinnungsschnüffelei und „Meinungshygiene“, die sich nicht einmal ideologisch fassen lässt sondern das Denken als solches zu manipulieren sucht.

    Mal Orwells Werke lesen, das ist eiskaltes „Neusprech“ was hier über das „Gendern“ eingeführt werden soll – davon abgesehen ist es megamäßig anti-intellektuell. Es ist ein sehr naives Sprachverständnis, von „männlich“ und „weiblich“ auszugehen; der einzige Grund, warum man die Artikel mal als „männlich“ und „weiblich“ bezeichnete war, dass das Kind halt einen Namen brauchte und allem Genderismus zum Trotze haben Frauen höhere Stimmen als Männer. „Der“ klingt phonetisch etwas tiefer und dunkler als „die“. So kam der Name. Ansonsten haben die Geschlechtswörter im Deutschen nur grammatikalische Bedeutung. ZB Unterscheidung von Mehrzahl und Einzahl („der Becher – die Becher“). Die Wortendung -er ist ebenso wenig „männlich“, sonst müsste man ja von „die Mütterin“ sprechen, statt von „der Mutter“ (gleich doppelt „männlich“, nach dem oberflächlichen Sprachverständnis des „Genderns“!).

    Der Gipfel ist natürlich Fremdwörter zu gendern, selbst aus Sprachen ohne Geschlechtswörter, wie dem Englischen.

    Das ist nicht nur furchtbar unnötiger Formalismus (was dann aber wieder gut zu Deutschen passen würde), es lenkt v. a. von den wirklich wichtigen Dingen ab. Ich bin ja zB schwul wie ich schon zuvor schrieb. Ich kenne keinen Transmensch den es auch nur periphär interessiert, ob man jetzt „Bürger(*)Innen“ schreibt und sich dabei stärker inbegriffen fühlen würde, als einfach nur „Bürger“ (auch hier wieder Einzahlung und Mehrzahlbildung, sonst nix: „der Bürger – die Bürger“).

    Wohl aber würde es zB uns Schwulen echt viel bedeuten, wenn die Leute aufhören würden in der Umgangssprache das, was wir sind, als ein negatives Prädikat („Boa schmeckt das schwul“) oder als Beschimpfung („Bist du schwul oder was?“) zu benutzen. Das ist immer wieder erbaulich, wenn das, was man als Person ist, als Beleidigung benutzt (und verstanden!) wird. Und was diese gar nicht mal so subtile Homophobie betrifft sind die ach so liberalen teutschen Studis in guter Gesellschaft mit bildungsfernen Proleten, denen sie sich ja ach so überlegen fühlen. Und von der Homophobie, die auch mir aus Machokulturen von Migrantenmilieus entgegen schlägt (inkl. wortwörtlicher Schläge, aber darum soll es hier nicht gehen) ist da auch noch nicht gesprochen – immer wieder erstaunlich, wie ignorant die ach so kritischen linken Teutschen dann auf einmal sind und aus vermeintlichem Respekt vor fremden Kulturen wegschauen, wenn südländische Machos ihre Frauen unterbuttern und Homosexuelle anfeinden. Auch hier ist das, was diese selbst als Respekt bezeichnen, aber v. a. eines: FEIGHEIT!

    Große Reden schwingen, wenn es um nichts geht und dann, wenn man mal wirklich für was einstehen müsste, zB nicht mehr weghören wenn das nächste mal zwei kleine Machos über Schwule herziehen und man nebendran steht in der S-Bahn und es mitbekommt. Würdet ihr etwa weghören, wenn es gegen Schwarze oder Juden geht? Nein? Wieso dann eigentlich immer, wenn es gegen Schwule geht? Ihr großen Idealisten, ihr Antifas und wie ihr alle heißt? Weil ihr auch nur feige Heuchler seid!

    Das einzige, was die Selbstgerechtigkeit deutscher Intellektuellen noch übertrifft, ist deren Feigheit, wenn es darum geht ihre wortreich jedem, der es nicht hören will, reingewürgten Standpunkte auch mal zu verteidigen.

  20. 20 Adolf 16. Juli 2015 um 23:16 Uhr

    Linke Hurensöhne!

  21. 21 Semikolon :) 18. Juli 2015 um 15:04 Uhr

    “ … darum, ob die Kritik im Kern richtig ist oder nicht, geht es zumindest mir und augenscheinlich den meisten nicht.“ [Orac Reyem]

    Tja, das ist aber ein Problem, wenn man dann selbst Kritik an den Münkler-Kritiker_Innen (:D) üben will, sei es wegen des Stils, der Sprache, des Gestus, der politischen Gesinnung, der kleinen Fehlerchen, der Anonymität und vermeintlichen Feigheit und so weiter.

    Darauf kommt es nämlich garnicht an. Das ist hier schlicht ein Blog, der berechtigterweise einen verhaltensauffälligen Prof beobachtet und diese Beobachtungen veröffentlicht, damit all diejenigen, die sich für die Causa Münkler interessieren, sagen wir mal, ihren ‚Quellenkreis‘ erweitern können. Das ist absolut lobenswert – und in welcher Form oder Sprache das dann geschieht – drauf geschissen! Das ist nicht das Wesentliche, darauf kommt es nicht an.

    Das Wesentliche ist eben die SPRACHE und der SOUND von Münkler selbst, seine eigene INHALTLICHKEIT – und DAFÜR ist dieser Blog eine reiche Materialsammlung. Alles andere Gemäkel und Gerotze in den Kommentaren ist nebensächlich.

    Die Reaktion auf den BLOGINHALT hier und anderswo zeigt ja nur, wie tief der Graben zwischen den Parteien wirklich ist und daß sich die Gegnerschaft erstaunlicherweise ultraaggressiv selbst in ‚Leitmedien‘ wochenlang und wiederholt formieren muß/will – obwohl hier lediglich eine Vorlesung mitgeschrieben wird. Allein das zeigt mir, daß an der Causa Münkler definitiv etwas dran sein muß und sich eine gründliche (!) Lektüre dieses Blogs lohnt.

    WER hier im Übrigen nächstes Semester keine Vorlesung mehr halten will/kann und aber selbst von ‚Feigheit‘ als erster gesprochen hat, ja, nun, Souveränität geht anders, gell?

  22. 22 Orac Reyem 20. Juli 2015 um 9:11 Uhr

    @Semikolon :)

    Also, ich sage einmal so, wäre der Herr solch ein Reaktionär, wie man es ihm auf diesem Blog versucht anzudichten, dann würde er eher folgendes machen:

    Strafanzeige bei der Polizei stellen (zumindest möglich wäre eine Strafbarkeit wegen § 186 StGB Üble Nachrede und § 187 StGB Verleumdung). Egal was diese Ermittlungen dann letztlich ergeben, im Zuge dessen würde die Staatsanwaltschaft die Identität der Autoren ermitteln (ja, das ist natürlich auch möglich, wenn man unter Pseudonym schreibt, nicht für Jedermann, aber sehr wohl im Rahmen strafrechtlicher Ermittlung) und sein Anwalt könnte Akteneinsicht nehmen um somit die Identität, mit Klarnamen, der Autoren zu erfahren.

    Hochschulrechtliche Konsequenzen, bis hin zur Exmatrikulation, sind in Folge ebenfalls möglich, wenn man ein anderes Hochschulmitglied, sei es ein Mitstudent oder ein Professor, auf diese Weise öffentlich verächtlich macht und ein sog. Ordnungsausschuss der Hochschule diese Ordnungsmaßnahme beschließt (§ 16 Absatz 2 Nummer 4 Berliner Hochschulgesetz).

    Das ist jetzt auch kein großes Geheimnis, für das man unbedingt Jura studiert haben müsste o. ä. Dass Herr Münkler genau das nicht macht, sondern es duldet wie mit ihm umgegangen wird, das spricht für mehr Souveränität (und auch Empathie, nämlich gegenüber seinen Studenten, die ja, das weiss er natürlich, letztlich auch noch halbe Kinder sind, als Adoleszente) als ihm dies viele hier zugestehen wollen. Man wünscht sich umgekehrt auch ein Quentchen dieser Empathie für Herrn Münkler, diese Erbarmungslosigkeit mit der hier, ja, regelrecht auf ihm herumgehackt wird, die ist durch kein (vermeintliches) Aufklärungsinteresse zu rechtfertigen.

    Ich denke, manches hier wird dem jeweiligen Verfasser in ein paar Jahren rückblickend ziemlich peinlich sein.

  23. 23 Semikolon :) 22. Juli 2015 um 23:56 Uhr

    @Orac Reyem,

    nö, auf diesem Blog wird augenscheinlich nichts dem Amtsträger Münkler öffentlich ‚angedichtet‘, sondern gerade in den Begründungen für diesen Blog mit einigen verlinkten Belegen die faktische politische ‚Reaktion‘ (im Sinne eines rechtskonservativen Nationalismus und Militarismus) des Hochschulbeamten Münkler nüchtern festgestellt. Nüchtern deshalb, weil sich die Positionen Münklers in der Medienöffentlichkeit beim besten Willen nicht anders klassifizieren lassen, wenn man nicht jede sinnvolle Klassifizierung aufgeben will. Mit Münklers vielbeschworener politischer ‚Mitte‘ (neben der geostrategischen ‚Mitte‘, die er auch immer bemüht) hat sein Geschichtsrevisionismus in der Relativierung Deutscher Kriegsschuld (WK1) im Zuge eines Neuaufgusses des längst überwunden geglaubten Fischer-Historikerstreits nichts zu tun – genausowenig wie seine Forderungen nach Deutscher Hegemonie in Europa und anderswo in der Fortschreibung kaiserzeitlicher und diktatorischer Geopolitik seit spätestens 1900. Und Münkler fordert die Neue Deutsche Härte als ‚Zuchtmeister‘ der EU-Peripherie nicht als Jedermann, sondern als Politologe im Staatsdienst, steuerzahleralimentiert, und zudem als erstklassig vernetzter ThinkTankler, der den Entscheidern im Verteidigungsministerium (und anderswo) zuflüstert. Das ist also der grobe Kontext dieses Blogs und deshalb muß und wird, um es gleich zu sagen, den Verfassern garnichts peinlich sein. Sie erfüllen nur ihre staatsbürgerliche Pflicht, denjenigen, die zündeln und hetzen wollen, auf die Finger zu schauen. Gute alte Demokratenpflicht. Daß die Münklersche Preußische Haltung in der Deutschen Mitte der Gesellschaft fröhliche Wiederauferstehung feiert, muß ich jetzt hier nicht breittreten (Stichwort GROKO und der Schäuble-Plan für ein KERNEUROPA UNTER DEUTSCHER FÜHRUNG). In ein paar Jahren wird rückblickend höchstens peinlich sein, wie bei der Deutschen Demontage der EU die deutschen ‚Leitmedien‘ erneut versagt haben, die ja Münkler so gern zu Wort kommen lassen. Keine Sorge, so schnell, wie die USA im Schulterschluß mit Frankreich und Italien aus historischen Gründen wieder sorgenvoll auf die Deutsche Weltgenesungspolitik schauen und handeln, können die ‚Leitmedien‘ – und auch Herr Münkler – garnicht von einer Neuen Deutschen Sendung und Vorsehung schwärmen und träumen. Und DAS ist peinlich!

    Ja, Aufklärungsinteresse besteht durchaus, nicht nur vermeintlich, @Orac Reyem. Weil sich die Geopolitische Situation in Europa und darüberhinaus zuspitzt – und daran sind ‚Köpfe‘ wie Herr Münkler nicht unschuldig. Umso begrüßenswerter, daß einige Zweitsemester wenigstens den Mut und das Interesse an solchen Dingen aufbringen, während der Rest im Hörsaal sich vom Professor ausgerechnet Carl Schmitt als Prüfungsstoff aufdrücken läßt – unwidersprochen. Carl Schmitt, Antidemokrat und späterer NS-Führerschafts-‘Philosoph‘. Die Vorlesungsmitschriften hier lassen erahnen, daß Münkler Schmitt eher akademisch rehabilitiert, statt kritisiert – oder liege ich da völlig falsch? Wissen Sie, wer eine solche Strategie ebenfalls fährt? Schauen Sie mal in den Katalog des ‚Instituts für Staatspolitik‘, das sie getrost zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus ansiedeln können – und sich selbst als Kaderschmiede für eine Neue Deutsche Elite versteht.

    Sie scheinen sich ja mit dem Berliner HSG gut auszukennen, @Orac Reyem. Strafanzeige wegen Übler Nachrede und/oder Verleumdung würde tatsächlich nur dann einen Sinn ergeben, wenn Anhaltspunkte für eine bewußte Verzerrung der Vorlesungsmitschriften zur Manipulation der Öffentlichkeit vorlägen. Das kann ich nicht erkennen. Auf mich machen die Mitschriften den Eindruck eines redlichen Versuchs, den Grundcharakter der Münkler-Vorlesung anhand ausgewählter Passagen kritisch zu würdigen. Das sollte in Deutschland im Jahr 2015 kein Verbrechen sein, sondern eher ein Diskussionsbeitrag. Jaja, ich weiß, an der Uni Rostock sollen Studierende ja sogar vom Verfassungsschutz beobachtet worden sein, weil sie NACHWEISLICH den Rassismus von Lehrkräften öffentlich aufgezeigt haben. Wo man sich (noch) nicht traut, Studenten vor Gericht zu zerren, weil sie Kritik an ihren Professoren äußern, wird erstmal der VS vorgeschickt! Ich bitte Sie, @Orac Reyem, diese Drohparagrafen, die Sie zitieren, sind ja genau die Einschüchterungsmittel, die diesen Blog verhindern sollen. Und woher wollen Sie denn wissen, daß Herr Münkler nicht Polizei und Justiz einschaltet, kennen Sie ihn persönlich?

    Und jetzt mal Klartext: muß hier irgendwer mit Herrn Münkler Mitleid haben, der sich doch freiwillig mit seinen steilen Thesen von Deutschlands Neuer Glorie und Führungsrolle in die ThinkTanks und Talk-Shows, in Radioformate und Leitartikel und Bestsellerlisten geschrieben und gesprochen hat? Hier soll der Täter zum Opfer gemacht werden – und hier werden die wahren (Macht)Verhältnisse bewußt verdreht. Wenn Herr Münkler sich verleumdet oder falsch dargestellt fühlt, dann soll er doch bitte eine ausführliche Gegendarstellung zu diesem Blog veröffentlichen, die auch vor Gericht Bestand hätte. Und wissen Sie was? Ich glaube, das kann er nicht – weil es jeder seiner überall geäußerten Lehrmeinungen widerspräche.

    Glauben eigentlich Menschen wie Münkler, daß sie mit ihren Ideen überall unwidersprochen durchkommen? Gehört es nicht zur Routine der Wissenschaft, Kritik auszuhalten und anzunehmen? Das verlangt er doch auch von anderen, daß sie mal eben 50 Jahre Imperialismusforschung vergessen oder ignorieren sollen, nicht wahr?

    Habe ich mich 30 Jahre mit Auschwitz beschäftigt, um mich von Münklerschen Tiraden auf DLF unwidersprochen ärgern zu lassen? NEIN!

  24. 24 Orac Reyem 23. Juli 2015 um 16:14 Uhr

    @Semikolon :)

    Ich weiss, dass dies nicht allgemein bekannt ist, aber les dir den Tatbestand der üblen Nachrede doch einmal durch: http://dejure.org/gesetze/StGB/186.html

    Es reicht bereits, wenn die Tatsachen, die man verbreitet und die geeignet sind, eine Person herabzuwürdigen, nicht erweislich wahr sind (sie müssen also nicht einmal falsch sein). Wenn ich mir nur exemplarisch einmal den Teaser zum vorherigen Blogeintrag, auf der Hauptseite sichtbar, anschaue, wo es heißt „Der Unterschied zwischen Rebellion und Revolution gewürzt mit viel Selbstdarstellerei und einer Prise Rassismus“.

    Viel Spaß dabei, den Wahrheitsbeweis für den Rassismus-Vorwurf zu erbringen. Und wenn dieser Vorwurf nicht geeignet ist, eine Person herabzuwürdigen, dann weiss ich nicht was geeignet sein soll.

    In der Erwachsenenwelt muss man sich halt an gewisse Regeln halten. Punkt. Dazu gehört, dass man miteinander sachlich diskutiert. Wenigstens das kann man erwarten, wenn schon in der Anonymität verborgen. Weisst du, wer noch von (vermeintlicher) Anonymität geschützt gerne Polemik im Netz verbreitet? Der sog. Troll (https://de.wikipedia.org/wiki/Troll_%28Netzkultur%29).

    Im Übrigen, wenn man schon die Fahne der Wissenschaftlichkeit hoch hält, dann muss ich dich hier an der Stelle kritisieren: du scheinst es für eine Art „Majestätsbeleidigung“ zu halten, wenn jemand „mal eben 50 Jahre Imperialismusforschung“ widerspricht. Gerade in den Geisteswissenschaften gibt es einen gefährlichen Trend zu kritiklosem Nachplappern von gefahrlosen Mainstream-Thesen, bei denen man sich sicher sein kann, dass man von Mitstudenten und „Dozent(*)_Innen“ auf die Schulter geklopft bekommt und alle sich total wohl dabei fühlen, alle von so aufgeklärter, edler und guter Gesinnung zu sein – bei sowas könnt ich schon gerade einmal in die Runde kotzen, auf gut Deutsch.

    Man denke nur, ohne in Details gehen zu wollen, an das Stichwort deutscher Schuldkult und deutsche Nabelschau, deutsche Selbstbeschäftigung, die scheinbar mit jedem Jahr Distanz zur NS Zeit noch immer beflißener und intensiver wird, bis hin zu banalsten Details über die Vorliebe von Adolf Hitler für bestimmte Hunde oder sonstige Banalitäten, während vor unseren Augen zigtausende Afrikaner auf dem Mittelmeer ersaufen. Sollte ich einmal Kinder haben, ich Jahrgang 1986, dann werden die mich später einmal nicht fragen „Papa, warum hast du nichts gegen Adolf Hitler gemacht“ sondern die werden mich fragen „Papa, warum habt ihr euch damals so in Selbstgerechtigkeit gesuhlt, weil ihr euch ständig im Kreis um die Geschichte eurer Urgroßväter gedreht habt und euch dabei in politischer Korrektheit ein um das andere mal übertrumpft habt, während, vor den Augen eurer ach so edlen Gesinnung, solch ein gigantisches Unrecht geschah?“.

    Das, was alleine da mit den Flüchtlingen geschieht, wie man sie ersäufen lässt, das ist das Menschheitsverbrechen unserer Zeit. Und nun vergleiche mal den Umgang, mit der NS Zeit, an der wir ohne Zeitmaschine eh nichts ändern können, die perfekt dokumentiert ist, die auch längst keiner mehr mit einem IQ über dem einer Banane leugnet, usw. auf der einen Seite und der Aufmerksamkeit, dem Engagement usw. alleine hin Hinblick auf dieses Leid.

    Oder, mein obiges Beispiel, worauf du leider in deinen ausführlichen Antworten auch nicht eingegangen bist: warum soll es so bedeutend sein, Studentenwerke in Studierendenwerke umzutaufen, während ich jeden Tag als Schwuler offen ausgegrenzt werden, übrigens auch von „Studierenden(*)_Innen“ der Geisteswissenschaften, die sonst total auf Gendern usw. wert legen und dann sitzen sie in der Mensa und der Arne sagt, „Boa schmecken die Nudeln heute aber schwul“. Das, was ich bin, als Mensch, ist also Synonym für „Scheiße“. Immer wieder nett. Zeitgleich dieses Gendern. Wie passt das zusammen? Erklär mir nur mal dieses simple Beispiel aus dem Bereich „Sprache“. Wenn es doch sogar so extrem wichtig sein soll, jeden Begriff, der auf -er endet (und angeblich damit „männlich“ ist, ich verweise nur immer wieder auf „die MuttER“), irgendwie gegendert werden müsse, wie kann es dann so ein Usus sein, so über homosexuelle Männer zu reden?

    Eben alles nur hohles, eitles Getue. Aber von einem hohen Roß. Und das macht mich so zornig daran.

  25. 25 Semikolon :) 25. Juli 2015 um 23:34 Uhr

    Jut, @Orac, den genauen Wortlaut des Gesetzes kannte ich jetzt nicht, aber ich muß ihn so ähnlich vermutet haben, sonst hätte ich die NACHWEISLICHKEIT im Rostocker Rassismus-Beispiel nicht so betont.

    Das Wörtchen ‚Prise‘ als Zusatz zu ‚Rassismus‘ schwächt den Vorwurf natürlich erheblich ab, um bei Deinem Beispiel zu bleiben. Dieser Vowurf gegen Münkler wird allerdings von den
    Blog-Autor_Innen (also, wenigstens hier, aus Höflichkeit!) begründet, indem sie Münkler wörtlich zitieren und das Zitat dann ideologiekritisch kommentieren (den Fanon-Vorfall). Ohne
    jetzt in komplexe Rassismustheorien einsteigen zu wollen, so muß man zumindest zugeben, daß die Münklersche Art, selbstreferenziell immer seinen Hader mit kritischen Student_Innen (jetzt fange ich auch an … :P ) mit wenig geschmackvollen Witzen auf Kosten von anderen (Fanon als
    ‚Schwarzer‘) auszutragen, befremdlich wirken kann, wenn man dafür ein Organ besitzt. Eine ‚Prise Rassismus‘ ist eben gegeben, wenn man Fanon auf sein ‚Schwarzsein‘ reduziert, zu
    welchem Zweck auch immer (hier, um Münklers Koketterie mit seiner eurozentrischen Literaturliste zu würzen, wenn ich das richtig verstehe). Solche Schlichtheiten, die in einer Uni-Vorlesung nichts verloren haben, scheinen bei Münkler keine Seltenheit zu sein. Inwieweit ein deutsches Gericht den Blog-Autor_Innen in ihrer Rassismus-Kritik folgen wollte/könnte, ob
    die Argumentation als Nachweis ausreicht, keine Ahnung, aber man muß anerkennen, daß die Blog-Autor_Innen nicht grundlos und unbegründet polemisieren und/oder angreifen. Sie wissen schon ziemlich genau, was sie da schreiben und warum. Mit Trollerei hat das rein garnichts zu tun, dafür ist der Arbeitsaufwand auch viel zu groß und die Argumentation zu genau. Daß die Blog-Autor_Innen aus guten Gründen in der Anonymität verblieben sind, und Münkler mit seinen wüsten Beschimpfungen (‚erbärmliche Feiglinge‘, ‚dumm‘) keinen Anlaß gibt, ihm als Lehrkraft zu vertrauen, hat nun ebenfalls nichts mit Trolling zu tun, sondern mit Weisheit und Selbstschutz. Und wie gesagt, Anonymität ist als Kriterium der DISKURSWÜRDIGKEIT des Blogs völlig irrelevant. Es ist nur ein gefundenes Fressen für die Bloggegner_Innen (:D), die Münklersche Rede von der ‚Feigheit‘ NACHZUPLAPPERN – so, wie es auf der Pressekonferenz als Losung ausgegeben und (fast) überall in den Gazetten nachgebetet wurde – ohne Sinn und Verstand. Wenn es Dich interessiert, dann lies mal die Ausführungen von Patrick Bahners (FAZ) zu diesem Komplex im Netz, der als einziger seinen Kollegen vom eigenen Blatt mal das Hirn gelüftet hat, damit der Dampf abziehen kann:

    http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/patrickbahners_muenklerwatch

    Ich stimme übrigens mit Bahners nicht in der Beurteilung Münklers als ‚erfrischend‘ subversiven und originellen Denker überein. Womit wir beim Nachplappern in den Geisteswissenschaften
    wären.

    Gut, @Orac, ich höre bei Dir eine starke Abneigung gegen ‚gutmenschliche‘ Nach-68er-Thesen heraus, egal, ob es um Geschichtsschreibung oder um Gender-Studies geht. Ja, natürlich ist die Gefahr des Nachplapperns jahrzehnte-, sogar jahrtausendalter Ideologeme immer übergroß, vor der auch ein Münkler nicht geschützt ist. Mich interessieren aber in der Wissenschaft die Autorität eines Experten nur insoweit, als ich seine Expertise argumentativ und logisch nachvollziehen kann. Ob eine These moralisch wirkt, interessiert mich erst auf den zweiten Blick.

    Wenn also der Historiker Fischer bereits in den 1960ern eine gründliche Studie zur Kriegsschuldfrage des WK1 vorlegte (‚Griff nach der Weltmacht‘), die seine erbitterten Gegner bis in die 1970er Jahre nicht glaubwürdig widerlegen konnten – allesamt versierte und geschulte Historiker, was will dann bitteschön der POLITOLOGE Münkler, der in seinem ‚Der Große Krieg‘-Wälzer alles betreibt (vorwiegend WARGAMING), aber keine fundierte Quellenanalyse. Das nimmt kein Historiker von Format ernst. Wenn dann im selben Werk auch noch behauptet wird, daß kein Krieg ohne Helden auskomme und als einziger Gewährsmann für den Heroismus der Materialschlacht Ernst Jünger zu Wort kommt, spätestens dann schrillen bei mir auch moralische Glocken, und ich werde zum Urteil gezwungen: geht überhaupt nicht. Weil undifferenziert, einseitig, theorieschwach. Was soll man erwarten, wenn Münkler nur eine ‚Raumordnungstheorie‘ im Geiste hat, die offenbar von seinem Lehrstuhlkollegen Carl Schmitt an
    derselben Universität in den 1930ern entwickelt wurde, in der sich alles um ‚Großräume‘ von ‚Mächten‘ dreht, die den ‚Feind‘ an ‚Großkampftagen‘ bekämpfen usw.? Dieser Wochenschau-Sprech färbt auch auf Münkler ab, wenn er in seinen seitenlangen
    Schlachtenanalysen imaginativ Moltke oder Tirpitz zu diesem oder jenem Angriff raten muß – ganz der beratungsfanatische 1-Mann-ThinkTank, wie Münkler sich selbst gern beschreibt. 1-Mann-Tank paßt hier besser, wenn mir der Kalauer erlaubt ist. Den Beratungsfanatismus hat Münkler übrigens mit Schmitt gemein, der auch in der Weimarer Zeit die ‚Nähe zur Macht‘ gesucht hat, bei Papen und Schleicher zum Beispiel, und auch in der Nach-Weimarer-Zeit – sehr zielstrebig. Es scheint mir so, als ob sich Münkler Schmitt als Vorbild gewählt hat. Da kann ich nur warnen: Schmitt hat sich bis zu seinem Tod nie öffentlich von seiner braunen und
    antisemitischen Rechtstheorie distanziert – und seine Beteiligung an Forschungsprojekten zum ‚Generalplan Ost‘ macht ihn mitschuldig am Tod und Leid der ‚Umgesiedelten‘ in den ‚Ostgebieten‘ – genauso wie sich die heutige Bundesregierung mitschuldig macht am Tod und Leid der Donbas-Zivilisten im Zuge des EU/NATO-Osterweiterungsprojekts ‚Ukraine‘, zu dem ja Münkler stolz bei einer Buchpräsentation verkündete, daß Deutschland dort nun eine ‚Lead-Nation‘ geworden sei. Bravo! Toll gemacht, Bundesregierung! Gut beraten, Münkler! Das nächste Milliardenfaß ohne Boden, der nächste Dauerkonflikt, der nächste Failed State in Europe. Und deshalb, @Orac, sehe ich die Phänomene in den Geisteswissenschaften (aus denen ich komme) nicht so isoliert wie Du, sondern es bilden sich mir unangenehme Assoziationsketten
    wie Schmitt-Münkler-Ukraine, die sich bei genauerer Betrachtung oft noch als KAUSALKETTEN erweisen. Deutschlands ‚Führung‘ der ‚Weimarer Achse‘ (Frankreich-Deutschland-Polen-Ukraine) und andere brandgefährliche, sehr alte Kolonisierungsprojekte, für die eine Schmittsche ‚Großraumtheorie‘ die Grundlage bieten mag. Und so weiter.

    Also, @Orac, grundsätzlich halte ich JEDES Detail der NS- und Genozid-Forschung für wertvoll, weil man bei jeder Fragestellung neue Erkenntnisse daraus gewinnen kann. Es gibt so etwas wie
    die Dichte der Quellen, die das Bild erhellen, oder auch nicht. Leider ist es so, daß trotz der Fülle der Fakten noch nicht einmal die Namen oder Gesichter aller NS-Opfer bekannt sind. Nein, Hunderttausende sind einfach nur namenlos und/oder rein quantitativ GESCHÄTZT – ohne Anhaltspunkte zur Lebensgeschichte. Einfach ausgelöscht. Was bleibt ist eine geschätzte Zahl in
    einer Studie: ‚Das Dorf X wurde vollständig von der Wehrmacht zerstört. Das Schicksal und die Zahl seiner Bewohner sind unbekannt.‘ ‚Der Transport brachte 2000 Sinti ins Lager, deren Namen nicht überliefert sind.‘ Und so weiter.

    Wie Du weißt, @Orac, hätten die Nazis aus ihrer Sicht zwei ‚gute‘ Gründe gehabt, Dich und Deine Familie nach Auschwitz zu transportieren, erst ins ‚Zigeunerlager‘ und später in die
    Gaskammern. Sich mit solchen Tatsachen zu beschäftigen, sollte eigentlich nichts mit Nabelschau, Selbstgerechtigkeit oder Gutmenschentum zu tun haben, sondern mit der Wahrnehmung von dem, was menschenmöglich ist. Finde ich von daher unklug, daß Du die Jetztzeit gegen das Damals moralisch ausspielen willst – beides gehört für mich zusammen. Weil eben die EU wieder eine neue Kriegsfront gegen (noch) wehrlose Zivilisten (Migranten) eröffnet hat – und zwar mit allen rassistischen Rechtfertigungen, die damit verbunden sind, und weil eben
    Auschwitz existierte, deshalb schaue ich mir die ‚Grenzzonen‘-Lager für zwangsinternierte Flüchtlinge genauer an, sofern überhaupt möglich.

    Also, @Orac, ich bin nicht auf Dein Sint- und Schwulsein eingegangen, weil ich 1) mir nicht sicher war, ob es nicht als Provokation erfunden ist und 2) den Angriff auf die Blog-Autor_Innen hier als ad hominem empfand, obwohl Du (und ich auch) die Verfasser_Innen hier überhaupt nicht persönlich kennen. Nur weil einer ein ‚reindeutsch-blonder‘ Dominik ist, der alles weggrinst, gendert und ’schwul‘ findet (ich weiß, welche Spezies Du meinst), müssen es die Blog-Betreiber_Innen nicht auch sein. Vielleicht haben hier ja lesbische Deutsche mit kurdischem Background mitgeschrieben, wissen wir es? Nein.

    Ja, natürlich gibt es die ‚ganz normale‘ Alltagsdiskriminierung verschiedenster Gruppen, besonders in der Sprache sichtbar. Ob es nun ‚Schwarzköpfe‘ sind, oder ‚Schwule‘, oder ‚Zigeuner‘, oder ‚Kosovo-Albaner‘, oder ‚Russen‘, oder ‚Pollacken‘ und so weiter, das wird alles oft als direkte Abwertung gemeint. Als ich Schüler war, war eine zeitlang ‚Jude‘ als lustiges Schimpfwort gebräuchlich, genauso wie heute der ‚Neger‘. Dabei bin ich alt genug, um als Kind mit einem deutschen Juden und Mitschüler befreundet gewesen zu sein, dessen Mutter selbst als
    Kind in Theresienstadt gewesen ist und nur als Objekt von Medizinversuchen den ständigen Auschwitz-Transporten entkommen ist. Kurzum: alles gute Gründe, sich mit Rassismus, Geschlechter-/Sexualitätsforschung und Minderheitenschutz weiterhin zu befassen, auch, wenn Menschen wie Münkler das vielleicht nicht schmeckt! :)

    Daß Dich Doppelmoral und Gedankenlosigkeit bei Deinem Background besonders wütend machen, nun, das kann ich nachvollziehen. Was macht man da? In die Offensive gehen und den Arne in der Mensa ansprechen? ‚Hey, ICH bin schwul, aber keine Nudel!‘

    Sprachgendern ist übrigens nicht so mein Ding – dafür bin ich zu alt und zu faul – haste gemerkt, nicht? :P

  26. 26 gähn 28. Juli 2015 um 11:39 Uhr

    @ Orac Reyem

    Caro Meyer – jetzt schon mit Anagramm unterwegs, was? Haben Sie mittlerweile so viel Schiss, dass Sie ihre Anonymität auch noch doppeln müssen? Pff… Wie soll man Sie ernst nehmen, wenn Sie noch nicht mal zu ihrem Pseudonym restlos stehen können, unter dem Sie bisher Ihre Meinung vertraten?

    Im Gegensatz zu Herrn Prof. Münkler halten Sie scheinbar nicht lange durch…

  27. 27 Orac 28. Juli 2015 um 12:57 Uhr

    @Semikolon :)
    Ich komme aus einer generell etwas „Menschheits-Distanzierten“-Warte und meine, dass wir uns als Spezies und unsere Geschichte generell zu wichtig nehmen. Ich hätte mir in einer anderen Zeit und unter anderen Umständen sehr gut ein einsames Dasein als Schäfer vorstellen können, allein mit mir, der Natur und Tieren. Darum fehlen mir sowohl Interesse am „Menschsein“ als auch die Leidenschaft, mich über bereits geschehene Dinge aufzuregen/mich dafür zu interessieren. Was ist das schon alles, im Zeitenlauf der Milliardenjahre, die es diesen Planeten gibt? Der Unendlichkeit von Raum und Zeit des Universums? All seiner Geheimnisse, die mich viel mehr zu fesseln vermögen, als Dröges Studium der ohnehin schon geschehenen „Geschichte“.

    Nur weil ich die Aufgeregtheiten vielfach einfach nicht teilen kann, noch wie wichtig wir Menschen uns nehmen (vgl. der wahre Massenmord im 20. Jh. an kaum quantifizierbaren Massen von Tieren, unzählige Arten die für immer ausgerottet wurden, schaut man sich die Entwicklung der Menschheit seit der Neuzeit an, dann muss man ihr Verhalten fast mit dem eines Krebs, einer Plage vergleichen, aber das wäre ja wieder „zynisch“…und darum schaut der Mensch lieber weg und beschäftigt sich mit sich selbst, erhebt seine Unzulänglichkeiten zum Programm und Forschungsgegenstand, die Selbstbeschäftigung zur Wissenschaft… – nein, ich bin auch kein Veganer und schon gar kein Mitglied einer Weltuntergangssekte, die die Menschheit auslöschen möchte, man muss nicht alles zu einem Politikum, einer Ideologie und einem „Lifestyle“ machen, aber ich schaue zu und stelle fest).

    All das wird früher oder später ohnehin vergessen sein. Spätestens wenn der letzte Mensch vergiftet wurde, verhungert ist, durch seine Waffen getötet wurde oder unsere Art sich aus sonstigen, eigentlich antizipierbaren, Gründen selbst vernichtet hat. Dann werden all die komplexen Gedanken und Sorgen die du dir gemacht hast vergessen sein, so als wären sie nie da gewesen. Und ob es wirklich schade um unsere Art wäre? Wenn ich mir anschaue, welche Schönheit der Natur wir unablässig vernichten und schon vernichtet haben, dann kann eigentlich nur zum „Zyniker“ werden. Gerade, wenn ich wissenschaftliche Logik zum Maßstab mache. Und nicht doch bloßen Egoismus, Hedonismus und Selbsterhaltungstrieb einer agressiven Spezies, die ihre eigenen Bedürfnisse stets skrupellos über die ganze restliche Natur stellt.

    Wie winzig die Aufmerksamkeit der Menschen doch für diese kollektiven Verbrechen in der Vergangenheit ist. Und deren Fortdauern in der Gegenwart. Also doch nur Selbstbeschäftigung, Nabelschau, einer Art, die sich selbst einfach viel zu wichtig nimmt. Nenn mich Zyniker, Nihilist, whatever, ordne es in eine Schublade, wenn du das brauchst. Ich habe „Leben und leben lassen“ zu meinem Mantra gemacht und wenn man dem konsequent und in Bezug auf die ganze Umwelt um einen herum folgt, dann kann daraus eigentlich nichts schlechtes erwachsen. Dieses Mantra habe ich mir nicht ausgedacht, in der Art sind ganze philosophische Denkschulen in der Vergangenheit entstanden. Was sagt es über unsere Art, dass nie diese, sondern immer das Maßlose, Destruktive und Agressive, die Menschheitsgeschichte steuerten und dominierten? Wieso schmeicheln wir uns eigentlich als Art immer selbst, indem wir den absoluten Ausnahmefall (Momente der Güte, Friedfertigkeit, Genügsamkeit, Freundlichkeit) als „menschlich“ bezeichnen, personifizierte Ausnahmen wie Gandhi oder Mutter Therese die ja Jedermann ein Begriff sind, während die Realität doch dafür spricht, Mord, Totschlag, Genozid, Zerstörung, Hass als „menschlich“ zu bezeichnen. Wenn man danach geht, was qualitativ den Menschen tatsächlich – über alle Zeiten, in allen Kulturen – auszeichnete und nicht, wie er sich, selbstverliebt wie er ist, gerne selbst überhöht sieht (ja die ganze Religion ist ja im Grunde nichts als eine Selbstanbetung des Menschen, als Geisteswissenschaftler wirst du wissen auf welche Erwägungen ich dabei anspiele).

    Und dieses Thema hier beweist mir einmal mehr, welches Geistes Kind wir Menschen sind. Da geht es um nichts anderes als intellektuelle Trockenübungen zur Ausbildung von Kids, die dann mit ihrem Abschluss Taxi fahren (wenn sie Glück haben einen Job in der Wissenschaft o. ä. kriegen). Und da vertritt dann ein Dozent Meinungen, die man ablehnt. Und das alleine scheint so wichtig zu sein darauf mit solch einer Agression, solch einem Hass, zu reagieren. Lies doch mal die Kommentare hier, lies die latente Verachtung zwischen den Zeilen der Blogbeiträge. Da schwingen sich Menschen auf, einen vermeintlichen Zyniker zu entlarven und verhalten sich dabei selbst zynisch. Voller Verachtung und Agression. Auf der Motivebene kann man sich kaum widersprüchlicher verhalten. Egal, wie überzeugt man sein mag, dass das, was man kritisiere, inhaltlich richtig sei.

    Aber ich schweife ab, ich lehne mich dann wieder zurück, klinke mich hier aus und genieße weiter die Show im „Welttheater“ des Menschen. Solange es noch geht, bis der Vorhang für immer fällt.

  28. 28 Semikolon :) 30. Juli 2015 um 21:49 Uhr

    Na gut, @Orac, dann lehne Dich mal entspannt zurück. Davon will ich Dich auch garnicht abhalten, schon garnicht von eventuellen naturwissenschaftlichen Interessen und Perspektiven, die ja alle ihre Berechtigung haben, auch wenn natürlich in Äonen und Kosmologien gedacht und gefühlt JEDE menschliche Bemühung um Überhauptirgendetwas ziemlich nichtig sein muß, da gebe ich Dir Recht.

    Ich drücke es mal so aus: solange man nicht selbst im Folterkeller festsitzt, mit gebrochenen Rippen und Schnittwunden oder Schlimmerem, vielleicht einem ausgeschlagenen Auge, oder gezogenen Fußnägeln, oder Glasscherben im Rachen, ist der eigene Blick auf die Menschheit und sich selbst, vor allem seinen eigenen Körper, von Selbstverständlichkeit und Indifferenz bestimmt. Da läßt sich leicht über die Gattung im Allgemeinen, die Natur im Besonderen und das Schicksal unserer Galaxis in 1000 Milliarden Jahren philosophieren. Der Blick auf die
    Wirklichkeit wird aber sehr konkret und eng, wenn man im Folterkeller festsitzt, wie viele Menschen auf der ganzen Welt. Dann stellen sich die Fragen nach politischer Macht und Verantwortung, auch nach Schuld ganz von selbst. Auch wenn es dann meist für einen selbst zu spät ist. Wenn man sich selbst natürlich als Teil eines globalen Krebsgeschwürs begreift, ok, dann kann man im Folterkeller auch getrost verschimmeln, spielt ja für einen selbst keine Rolle, man
    tut der Welt und seinen Schergen einen Gefallen. Ist wahrscheinlich wirklich alles eine Frage der Perspektive und des Egos.

    Ohne es jetzt gemessen zu haben, aber ich glaube, in den Kommentaren gab es hier mindestens zu 70% Negativ-Feedback jenseits der Trollgrenze. Der Hass ging in erster Linie nicht von den Blog-Betreiber_Innen aus, sondern von den Gegnern hier und anderswo (in der Presse vor allem).

    Man sollte auch immer unterscheiden zwischen einem Streitgespräch/Diskurs und blinder Gegnerbeschimpfung. Aber auch das empfinden wohl viele wieder völlig unterschiedlich, was die Sache natürlich leicht stressig und nervig macht, das liegt in der Natur der Sache.

    Im Übrigen finde ich Deine Schäferidee persönlich garnicht mal so unsympathisch.

    Also: so long, @Orac.

    Im Anschluß poste ich, um nochmal richtig Öl ins Feuer zu gießen, mein persönliches Problem mit Münklers Thesen in der Öffentlichkeit, aber getrennt in einem eigenen Kommentar.

  29. 29 Semikolon :) 30. Juli 2015 um 22:47 Uhr

    Um meine grundsätzliche Kritik an Münkler hier nochmal zu präzisieren, möchte ich exemplarisch auf folgende Veranstaltungsaufzeichnung hinweisen:

    https://www.youtube.com/watch?v=27ujkepqU0w

    Abgesehen von der fragwürdigen Tatsache, daß das Wissenschaftsforum des Bundestages die geladenen Teilnehmer mit einer 1-Man-Show zur Frage der bildungspolitischen Lehren und Wirkungen des WK1 berieselt und zwar ausgerechnet mit dem Politologen Münkler, obwohl man leicht den ganzen Saal mit ausgewiesenen deutschen Experten (vorwiegend Historikern) hätte füllen können, fällt mir auf, daß die Diskrepanz zwischen den einleitenden Worten des Moderators Schöler, der mehrfach das Leiden und die Zerstörungen des Krieges betont, die Verwüstungen quantitativ und qualitativ zumindest andeutet, und der soziotechnisch kalten Sprache Münklers, die das Leiden und den Horror des Krieges möglichst ausblendet, größer kaum sein kann.

    Besonders ärgerlich und auffällig wird das für mich in seiner ‚theoretischen‘ Dichotomie von Frontkämpfertypen, dem ‚Viktimisierten‘, also dem zum Opfer der Umstände und des Krieges gemachten Soldaten, der ‚melancholisch‘ passiv in den Laufgräben und Unterständen das Trommelfeuer des Feindes erduldet, und dem ‚Sakrifiziell Eingestellten‘, also dem mobil-agil eigenverantwortlich handelnden Soldaten, der mit ‚Tapferkeit‘ als Stoßtruppkämpfer sich im Gefechtsfeld bewegen kann und daher für den Feind – statistisch meßbar – schwerer zu treffen sei und seine Überlebenschancen erhöhe. Münkler gibt in diesem Kontext die Parole aus, daß sich die ‚Tapferkeit‘ im Kriege wie die Leistung im Zivilleben lohne. Abgesehen von der Münklerschen Taktik, hier durch seine typisch pseudowissenschaftliche Verschwurbelung die gemeinsame Semantik der Begriffe ‚Viktimisierung‘ und ‚Sakrifizialität‘ zu verdecken, nämlich den von der Armeeführung vom einfachen Soldaten abverlangten ‚Opfertod für das Vaterland‘, einer ideologischen Grundkonstante als Ergänzung zur justiziablen und mit dem Tode bestraften ‚Feigheit vor dem Feinde‘, ist diese Zweiteilung in ‚Opfer‘ und ‚Angreifer‘, in ‚Depressive‘ und ‚Mutige‘, in ‚Feiglinge‘ und ‚Tapfere‘ (Letztere vielleicht in einem Jüngerschen ästhetisch-heroischen Sinn von Münkler imaginiert) besonders irreführend und perfide. Nichts war in der voll mechanisierten Materialschlacht irrelevanter als die Mobilität oder die Position eines Soldaten. Manche Männer konnten vor den feindlichen Graben laufen, während alle Granatsplitter und MG-Salven an ihnen vorbeiflogen, während andere von Querschlägern weit hinter der Front beim Essenfassen erwischt wurden. Das Grundgefühl der Soldaten, gegenüber der Stochastik der Ballistik – oder: der Splitterwirkung – schutzlos zu sein, läßt sich nicht in
    verschiedene Soldatentypen qualitativ abstufen – und selbst ein Jünger krallte sich unter Trommelfeuer dreckfressend in die Erde und brach nach dem Volltreffer in seiner gerade
    marschierenden Kompanie erschüttert in Tränen aus, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht, später 7-fach redigiert und buchstäblich ‚geschönt‘. Die Mechanik des maschinellen Krieges ließ und läßt nichts anderes zu und reibt sich mit dem einzigen Störfaktor und Fremdkörper des modernen Schlachtfeldes, dem fühlenden und leidenden Menschen, der durch Hierarchie, Militärgesetzgebung und die Sachzwänge der Waffentechnik zum (sinnlosen) Opfertod im Staatsauftrag genötigt werden soll. Genau diese Zusammenhänge interessieren Münkler überhaupt nicht, der stets die Perspektive und Sprache der Befehlenden einnimmt, als wäre er Teil des Hauptquartierstabs, aber niemals die Perspektive und Sprache der Befohlenen, die für ihn nur ‚Zu Opfernde‘ sind, entweder ‚feige‘ oder ‚tapfer‘. Das ist genauso zynisch und verlogen wie die Perspektive der französischen Generalität in Kubricks ‚Wege zum Ruhm‘, den Münkler zwar im Kontext der Kriegsmeuterei (der Weigerung der Soldaten zum Sturmangriff) anführt, aber in seinen wesentlichen Botschaften tunlichst ignoriert: SINNLOSIGKEIT und UNDURCHFÜHRBARKEIT von Angriffen, die nur dem Geltungsdrang von eitlen Militärs zwecks Beförderung bei Cognac und Zigarre GESCHULDET sind, und die BESTRAFUNG VON
    UNSCHULDIGEN, die trotz ‚Pflichterfüllung‘ standrechtlich erschossen werden, weil das Los es so entschieden hat und die ‚Leistung‘ der Soldaten dem Kommandeur als ungenügend erscheint.

    Kubricks Film zeigt also die Struktur und Stratifikation der Macht im Krieg und ihre Konsequenzen für das Individuum, wo Münkler nur das geopolitische und ’systemisch Ganze‘ sehen will: Frontverläufe, Truppenbewegungen, Waffenwirkungen, Angriffspläne. Das entspricht eher dem Rückfall in die Zeiten der traditionell aseptischen Militärgeschichtsschreibung, die abstrakt genug ist, um die Leichenberge sprachlich zu kaschieren und als ‚Verlust‘ abzuschreiben. Nur so ist es zu erklären, daß Münkler sich nicht zu schade ist, die Überlegenheit seiner ’spieltheoretischen Methoden‘ gegenüber der Hermeneutik der Quellen zu behaupten, so als ob Militärhistoriker nicht auch den soziologischen, stochastischen und simulativen Besteckkasten zur Verfügung hätten, gerade in der heutigen Zeit, wo der Computer die Logistik des Schlieffen-Plans spieltheoretisch bewerten und aufzeigen kann, daß die Kräfte auf der Rechten Flanke einfach nicht ausreichten, um eine Umfassungsschlacht gewinnen zu können, bei gleichzeitiger Unterschätzung des französischen Durchhaltevermögens und der Unterschätzung der eigenen Flankenempfindlichkeit, während Münkler wissen will, daß die Bayern unter dem Kronprinzen zu ‚tapfer‘ gekämpft, die ‚Tasche‘ für die Franzosen nicht aufgemacht und deshalb den Schlieffen-Plan vergeigt hätten.

    Münkler weicht der SCHULDFRAGE aus, die ihn zugegebenermaßen als ‚Wissenschaftler‘ nicht interessiert, weil er sie für eine philosophische und theologische Frage hält, deren Beantwortung für die ‚Wissenschaft‘ keine Relevanz habe, dabei mißachtend, daß Philosophie und Theologie genauso hermeneutisch und logisch operieren und argumentieren wie die Politologie oder die Geschichtsschreibung, wie alle HUMANWISSENSCHAFTEN, die den Menschen in seiner seelischen
    Dimension zum Forschungsgegenstand haben. Er wirft dem Historiker Fischer und seinen ‚Adepten‘ wie Volker Ullrich vor, daß sie Opfer eines deutschen Schuldkomplexes seien, bei
    Fischer vor allem durch seine Verstrickung in den NS ausgelöst, verschweigt aber, daß er selbst ein Adept nazifizierter Raumordnungstheorien Schmitts ist, wie sprachlich und konzeptuell immer wieder durchscheint. Dabei ist leicht zu erkennen, warum Münkler mit dem ethischen Begriff der Schuld nichts zu tun haben will, obwohl auch er – angesichts der vielleicht zu zahlreichen skeptischen Blicke im Publikum – zugeben muß, daß die Hauptverantwortung für den Ausbruch des WK1 beim Deutschen Kaiserreich zu finden ist, und nichts anderes hatte Fischer als These 1961 vorgebracht. Die Ethik mit ihren religiösen, verhaltensregulativen und rechtstheoretischen Implikationen – zum Beispiel den Fragen des Tötens, des Angriffskrieges und
    des Kriegsverbrechens – ist ein großer Stolperstein für jeden, der die Geschichte UMschreiben will, um die Nachgeborenen wieder zu mehr ‚militärischer Verantwortung in der Welt‘ zu erziehen und an Einsätze der Bundeswehr als Berufsarmee neuen Typs zu gewöhnen. Herr Münkler arbeitet daran. Das Fehlen expliziten Widerspruchs während der Veranstaltung gegen Münklers Weltkriegsdarstellung als Abfolge von militärstrategischen und waffentechnologischen Fehlschlägen und Highlights, alles von Münkler als ’spannend‘ empfunden, aus denen die Jetztzeit politischen Nutzen durch die ‚richtigen Lehren‘ ziehen solle, läßt nichts Gutes ahnen.

    Kurz nach dem Kriegsende 1918 formierten sich pazifistische Kräfte, die ihre menschliche Leiderfahrung mit der Forderung an Politik und Gesellschaft verknüpften: ‚Nie wieder Krieg!‘ Es formierten sich aber auch die Kräfte der Konservativen Revolution und des NS, die den Feind erst im Inneren als dolchstoßenden und kulturzersetzenden ‚Vaterlandsverräter‘ zu erkennen und später im Inneren und Äußeren als überall identifizierten ‚Juden‘ des Finanzkapitals und Bolschewismus zu bekämpfen glaubten. Carl Schmitt gehörte zu den Kräften, die das Feindbild und den Krieg als staatliche Option theoretisch schärfen und festschreiben wollten. Fritz Fischer gehörte auch zu denen, die Vorträge über die ‚zersetzende Kraft des Internationalen Judentums‘ hielten. Aber beide zogen nach WK2 wohl unterschiedliche Konsequenzen: Schmitt verbitterte in der neuen Demokratie und flüchtete sich in seine imperiale und mythisch raunende Geschichtstheologie, während Fischer unter dem Eindruck der aufbrechenden seelischen Verkrustung und Panzerung, dem kulturellen Tauwetter der 1960er Jahre, sich neue Fragen an die Deutsche Geschichte stellte – und beantwortete.

    Münkler ergreift Partei für Schmitt – und gegen Fischer. In welcher Bildungspolitik und Kriegspraxis das endet, sehen wir jetzt schon. Die öffentlichen Forderungen seines Uni-Kollegen Baberowski nach einer Totalen Kriegsführung, die sich den Erfordernissen verbrecherischer Kriege umstandslos anpaßt, sind als moralische Testballons zu verstehen. Und der Staat, der über Bürokratie, Armee und Polizei zunehmend Krieg gegen Bürger und Zivilisten vorbereitet oder schon führt, sei es in Afghanistan, im Mittelmeer oder im eigenen Land, wandelt sich in einen Obrigkeitsstaat im Schmittschen Sinn.

  30. 30 Jürgen 10. August 2015 um 16:04 Uhr

    Hallo Münklerwatcher, ihr seid das Holz aus der man eine Stasi aufbaut. Gratuliere! Andreas Bader & Co. hätten euch für den politischen Aufbau zur ‚Überwindung des Schweinesystems‘ mit ins Boot geholt. Ihr hättet dann einfach ein neues Schweinesystem aufgebaut, mit dem kleinen Unterschied, daß es bei Haftstrafe dem Bürger verboten wäre es so zu nennen, stimmt’s?

    So seid ihr Linke, so seid ihr schon immer gewesen.

    Auch Münklerwatch ist Schweinesystem.

  31. 31 handsom 20. August 2015 um 18:41 Uhr

    Immer wieder schöne Kommentare/Diskussionen/Analysen hier. Auch wenn alles ziemlich heftig ist, finde ich es gut. Demokratie ist fuer mentale stabile Personen (nicht für die InStabilen.. ha ha). Alles zu akzeptieren was geschrieben wird, ist mein Ding (na ja.. was aus meine Römisch-Katolisch Erziehung rausgekommen ist). Wenn Muenkler sich in der Gesellschaft mit Brust nach Vorne reinwirft (und ein dickes Gehalt kassiert?), geht das ja nicht ohne Schmerzen/Nebeneffekte: its part of the game wenn er dafuer auseinander genommen wird. Sowieso: wie in meinem Unternehmen, habe ich schon Chefs gehabt die versucht haben alles richtig nach „Chef-Arbeitsanweisung“ zu arbeiten und ich habe sie nicht gemocht (Einige andere schon). Das „Mögen“ muss man auch nicht diskutieren (dafür sind die Sensoren und die Intelligenz und die Soziale-Kompetenz zwischen Menschen zu unterschiedlich). Wenn das Meunkler-Un-Mögen hier erklärt wird, ist es ok. Aber Achtung: die Chefs die ich nicht mochte konnten das auf meinem Gesicht sehen, ich mochte sie nicht. Also meine Empfehlung: verlassen Sie die Uni weil Muenkler wird sehen wer ihn mag und dann bestrafen was euer Leben erschweren wird. Ich wuensche mich jetzt ein Blog hier „Liebe und Bewunderung für Muenkler“…

  32. 32 Stephan Carstensen 25. August 2015 um 12:38 Uhr

    Würde den Beitrag gerne lesen, spreche aber nur Deutsch. „Christ_innen“ ist leider kein Deutsch. Ich empfehle noch einmal zurück in die Grundschule zu gehen. Danach und mit ausreicheneden Deutsch-Kenntnissen darf dann gerne wieder studiert werden. Danke.

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